SICHTWEISEN

Seelenwächter

Was tut der Seele gut? Wer sorgt für sie? Glaubenserfahrung und Kirchenmenschen. Und viele andere, die lieben können.

22. April 2026

Text: Heinrich Dickerhoff | Foto: Rüdiger Wölk (Imago)

„Den meine Seele liebt, habt ihr den gesehen?“ Das ist für mich die wichtigste Prüffrage an die Kirche. Mich eingeschlossen. Sie stammt aus dem alttestamentlichen Hohenlied (Hld 3, 3b), einer Sammlung von Liebesliedern - ihr Grundton ist ähnlich wie der des schönen plattdeutschen „Dat du min Leevsten büst“. Erstaunlich, dass dieses Buch in die Bibel aufgenommen wurde. Verstanden die, die das entschieden haben, dass wir von Gott viel verstehen können, wenn wir Liebeslieder singen?

Zwei Lieder in dieser Sammlung erzählen von einer jungen Frau, die in der Nacht nach ihrem Geliebten sucht. Als sie die Stadt durchstreift, stößt sie auf die Nachtwächter. In dem einen Lied (5, 2-8) behandeln die Wächter die nachts allein durch die Straßen Irrende als Straßenmädchen, schlagen sie, nehmen ihr die Kleider weg, demütigen sie. Im anderen Lied (3, 1-5) begegnet die Suchende den Wächtern mit der Frage: „Den meine Seele liebt, habt ihr den gesehen?“ Sie behandelt die Wächter nicht als Herren der Stadt und ihrer Bewohner, sondern zurecht als Diener. Und kaum ist sie an den Wächtern vorüber, findet sie ihren Geliebten.

Seelenwächter statt Seelenfresser

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Erst wenn wir die Wächter hinter uns gelassen haben, finden wir den, den die Seele liebt. Bedeutet das, dass man die Wächter überwinden muss, weil sie mir den Weg verstellen? Manche haben die Kirche so erlebt. Herrisch. Als Zwang und Demütigung. Diese Wächter haben sie dann hinter sich gelassen. Meine Erfahrung ist eine andere. Ich habe die Wächter wahrgenommen als Diener, nicht als Herren. Als Helfer, nicht als Hindernis. Als Wegweiser, nicht als Ziel. Nicht als Seelenfresser. Sondern als Seelenwächter.

Schirmer nannte man im Mittelalter die Leibwächter. Auch meine Seele braucht Schirmer, Seelenwächter. Menschen sind das, denen ich willkommen bin. Die ihren Glauben mit mir teilen. Die den Himmel über dieser Erde offen halten. Aber Seelenwächter sind mir auch Zeiten, Orte und Worte.

Zeiten und Orte

Mein Glauben war von Kindheit an eine Zeiterfahrung. Tag, Woche und Jahr haben für mich einen Rhythmus, der mich ohne großes Nachdenken erinnert an das, was mich trägt, tröstet und antreibt. Denn was meine Zeit bestimmt, das prägt auch meine Seele. 

Und Orte es gibt es, an denen meine Seele zu mir findet und ich zu ihr. Mit ihrem hohen Dach machen manche Kirchen meine Seele weit – und laden mich zugleich ein, niederzuknien vor dem Wunder, dass wir sind. Aber auch mein Arbeitszimmer, wo ich meine Gedanken ordne, ist ein Schutzraum meiner Seele. Und die Küche, in der ich fast jeden Tag mit Menschen sitze, die mir die Welt bedeuten.

Inwendige Worte

Auch Worte gibt es, die mich schützen und tragen. Gebete und Gedichte. Worte, die sich mir eingeprägt haben. Die ich inwendig weiß. Die ich mir regelmäßig sage. Worte, die mich aufrichten, wenn mein Mut sinkt. Mich trösten, wenn ich nicht weiter weiß. Mich wecken, wenn ich lustlos bin. Mich bezaubern, wenn ich nicht mehr staune. Mich erinnern an Den, den meine Seele liebt.

Seelenwächter. Sie sind zahlreich. Wir müssen sie nur entdecken.