Ich bin Kommunionhelferin. Ich tue diesen Dienst gerne. Ich schaue den Menschen, die vor mich treten, zuerst in die Augen. Die meisten schauen ernst und ehrfürchtig. Ich schaue sie freundlich an, um die Furcht aus der Ehrfurcht ein wenig wegzulächeln. Es gibt keinen Grund, sich zu fürchten. Gott ist wohlwollend. Ich versuche, sein Wohlwollen durch mich hindurch fließen zu lassen zu ihnen. Ich hoffe, dass etwas davon spürbar wird. Ich sage: „Der Leib Christi“. Dann lege ich ihnen die Hostie in die Hand.
Ich sehe viele Hände. Manchmal tauchen Bilder vor meinem inneren Auge auf. Große Männerhände sehe ich, Arbeitshände, die früher mit Kraft zugepackt haben. Werkzeuge und Maschinen mögen da bedient worden sein, damit Geld verdient und die Familie versorgt werden konnte. Die robusten Hände scheinen es nicht gewohnt zu sein, zu einer Schale zusammengelegt zu werden, um darin behutsam das kleine Stück Brot zu empfangen und es dann mit nur zwei Finger sanft zu fassen und zum Mund zu führen.
Wie viel Liebe!
SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.
Frauenhände sehe ich, kleiner und oft feiner als die Männerhände. Das Alter hat Spuren in die Hände gezeichnet. Wie viel Sorgearbeit ist mit diesen Händen geleistet worden: putzen, waschen, kochen, im Garten arbeiten, Windeln wechseln, über fiebernde Kinderstirnen streicheln, alte Eltern versorgen? Ich sehe Hände, die das Leben so gut es ging gemeistert und sicher auch mit ihm gerungen haben, die es – umgangssprachlich gesagt - „gehändelt“ haben.
Während ich die Kommunion austeile, gehen mir diese Gedanken und Bilder durch den Kopf und machen mich ehrfürchtig vor der Lebensleistung dieser Menschen, die vor mir stehen und ihre Hände hinhalten. Sie bitten darum, die Kommunion zu empfangen. Ich denke: Wie viel Liebe haben diese Hände schon gegeben! Wie viel Liebe ist durch sie geflossen! Wie sehr haben diese Hände daran mitgewirkt, dass Gottes Liebe in die Welt kommt und greifbar wird. Ich wünschte, alle Kommunionempfängerinnen und Kommunionempfänger könnten sich so wertschätzen.
Der ausgelieferte Gott
Ich staune aber auch über Gott, der sich fraglos in jede Hand legen lässt und sich in jede Hand begibt. Keine Hand hat stets nur Liebe gegeben. Hilfe verweigern, Menschen abweisen oder verletzen – kein Mensch und kein Kommunionempfänger ist davon frei. Das hält Gott aber nicht davon ab, bei jedem einzukehren, der die Hand aufhält und sich für ihn öffnet. „Der Menschensohn wird in die Hände von Menschen ausgeliefert“ (Matthäusevangelium 17,23), so kündigt Jesus seinen Jüngern sein Leiden an.
Er liefert sich aus bis heute – bei jeder Kommunionausteilung. Unser Gott ist so unendlich groß und frei und menschenfreundlich, dass es ihm nichts ausmacht, sich klein zu machen und in die Hände ganz gewöhnlicher und fehlerhafter Menschen zu begeben. In deren gewöhnlichen und fehleranfälligen Taten kommt seine Liebe zur Welt. Ich bin beim Kommunionausteilen gern ein kleines Werkzeug dabei – eines in einer großen Sache.