SICHTWEISEN

Heimweh

Das ist das Gute am Ende der Ferien: Endlich bin ich wieder da, wohin ich gehöre. Aber was, wenn die Heimat auf einmal dicht ist? Manche erleben das sogar in der Kirche.

8. Juli 2026

Text und Foto: Markus Nolte

Das kann richtig weh tun. Irgendwo weit weg sein zu müssen und ganz woanders sein zu wollen – zu Hause. Wenn kleinen Kindern das zum Beispiel im Ferienlager der Kirchengemeinde passiert, belächeln das die Erwachsenen meist. Denn natürlich ist kopfmäßig völlig klar: Heimweh ist nur eine Frage der Zeit. Einige Tage später ist die Sache aus der Welt, außerdem haben erfahrene Ferienlagerleiter ihre wirksamen Mittelchen gegen allzu große Sehnsucht nach Mama und Papa: vom spielerischen Ablenkmanöver bis zur muckeligen Wärmflasche für den Schlafsack. Meistens funktioniert das.

Im Grunde aber ist Heimweh doch etwas Wunderbares, denn dahinter steckt ja letztlich die große Liebe zu dem, was da vermisst wird: die Eltern und Geschwister, das eigene Bett, die Geborgenheit der Familie, Sicherheit, Vertrautheit, unzerstörbare Zugehörigkeit. Wenn die nicht da ist, wenn die Heimat womöglich sogar genommen wurde oder verlassen werden musste – dann fehlen eben nicht nur geliebte Menschen, ein Haus, der Duft des eigenen Bettzeugs. Dann fehlt diese Zugehörigkeit, durch die ich bedingungs- und fraglos angenommen bin; durch die ich sein darf, wie ich bin; die mich ganz macht.

Der gute Grund, der trägt

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke – das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Wo das fehlt, hängt der Mensch in der Luft, ist ihm buchstäblich der Grund unter den Füßen weggezogen. Aber den braucht jeder! Den guten Grund, der trägt und gehen lässt – den guten Grund dafür, warum ich überhaupt lebe und dieses Leben wertvoll ist. Warum ich wertvoll bin. Diesen Grund muss ich erfahren können. Ich kann ihn mir nicht selber basteln. Erst wenn mir einer sagt: „Ich liebe dich“, habe ich einen guten, den besten Grund, das auch zu glauben.

Und darum ist wohl auch jede Sehnsucht letztlich ein mal kleines, mal großes Heimweh. Allemal ein bleibender, mal kleiner, mal großer Schmerz.

Nicht ohne Grund stellen sich viele Menschen den Himmel als einen Ort vor – da oben, da hinten, jenseits, irgendwo. Und auch die Bibel spricht ja von Wohnungen, die Gott für jeden bereithält. Da ist das Ziel: Wohnen bei Gott. Ewige Heimat. Und das Evangelium überrascht immer wieder damit, dass dort selbstverständlich genügend Platz auch für die ist, von denen das manche ach so Fromme nie im Leben gedacht hätten.

Du bist willkommen

Umso schmerzlicher ist es, wenn Gläubige zu Fremden in der eigenen Heimat gemacht werden. Wenn ihnen gesagt wird: „Unser Gotteshaus besuchen, ist in Ordnung, aber mit uns am Tisch sitzen und essen – das geht nicht. Bis zur Garderobe und nicht weiter!“ Das ist vor allem für diejenigen Schwestern und Brüder kaum zu ertragen, die aus einem tiefen Glauben an den Gott der Liebe leben und doch zu hören bekommen, ihre nicht gesetzeskonforme Liebe zu einem Menschen sei ja ganz schön und gut, aber eben leider nicht in Ordnung. Nicht so richtig.

Ich weiß um viele Menschen, denen die Kirche mit ihren Gottesdiensten und ihrer Gemeinschaft lange Zeit tiefe Heimat war – bis zu solchen Urteilen. Und wie glücklich sie sich fühlen, wenn ihnen dann doch von einem Kirchenmenschen gesagt wird: „Du bist willkommen bei uns!“

Vor knapp zehn Jahren ging eine solche Geste durch die amerikanische Presse. Der Erzbischof von Newark, Kardinal Joseph Tobin, hatte ausdrücklich homosexuelle Menschen zur Wallfahrt in seine große neo­gotische Kathedrale eingeladen. Er begrüßte jede und jeden einzeln am Eingang – und er hatte gut zu tun. „Ich bin Joseph, euer Bruder“, sagte er den Pilgern. Viele zeigten sich dankbar, tief bewegt und hoffnungsvoll nach dieser Geste. Es sei gewesen, wie nach langer Zeit nach Hause zu kommen. Der Kardinal hingegen erhielt haufenweise Protest-Schreiben besorgter Katholiken. Eine Kampagne rief die anderen Bischöfe dazu auf, ihren Mitbruder zu korrigieren. Kardinal Tobin aber reagierte als gelassener Hausvater Gottes: „Es gibt eine Menge in mir, das zu korrigieren wäre“, räumte er ein. „Aber nicht, Menschen willkommen zu heißen. Nein.“