SICHTWEISEN

Segensmaschine

Gegen Maschinen, die das Leben einfacher machen, ist im Prinzip nichts einzuwenden. Aber wie sieht es aus, wenn Roboter für Glück und Segen sorgen sollen?

15. Juli 2026

Text: Markus Nolte | Foto: Christina Oezlem Geisler (epd/Imago)

Was wären wir ohne Automaten! Sie machen das Leben soviel leichter! Ich denke beispielsweise an den Grillgut-Automaten vor der ersten Fleischerei am Platze, der mit diversen Würsten, saftigen Steaks und Koteletts aller Art auch nach Ladenschluss den großen Hunger stillt. Das nenn ich kundenorientierten Service!

Das soll angeblich Personal sparen – kostet mitunter allerdings sämtliche Nerven beim Endverbraucher, zumindest wenn es sich um Fahrkartenautomaten handelt. Dass diese vermeintlich selbstständig arbeitenden Geräte mitunter mehr versprechen als sie halten, zeigt eine herrliche Szene in der Komödie „Kein Pardon“ mit Hape Kerkeling. Der Komiker fühlt sich nämlich beim Schlendern über den Bürgersteig von einem roten, schmalen Kasten angezogen, der ihn mit metallen plärrender Stimme einlädt: „Bitte werfen Sie eine Münze ein! Hier erfahren Sie Ihre persönliche Glücksmelodie.“

Eine Win-win-Situation

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke – das sind die „Sichtweisen“, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Nach der Eingabe sowohl eines Geldstücks als auch des persönlichen Gewichts wird dann tatsächlich so etwas wie eine Melodie gedudelt, die anschließend öffentlich nachzusingen ist – natürlich vor einer erklecklichen Zahl peinlich berührter Passanten. Kerkeling tut wie ihm geheißen, um dann zu erfahren: „Diese Glücksmelodie wird Ihnen in allen Notsituationen helfen. Vielen Dank.“ Und weiter geht's: „Bitte werfen Sie eine Münze ein.“

Tja, wenn das so einfach wäre mit dem Glück: Geld einwerfen, warten, glücklich sein. Und mit so wenig Aufwand! Kein Personaleinsatz, keine Arbeitszeit – Hauptsache, der Kunde ist zufrieden. Eine Win-win-Situation für Anbieter und Kunde, wunderbar!

Ein besonderer Knaller

Vor einigen Jahren kursierte im Internet ein provokativer Videospot, der eine Gottesdienstgemeinde der Zukunft zeigte. In Zeiten wachsenden Priestermangels gab es eine äußerst praktische Lösung: den „Kommunion-Automaten!“ Andächtig zogen die Gläubigen in einer Reihe vor ihn hin, hörten mit schepperndem Computersound „Der Leib Christi“ und schon wurde die Hostie aus einem Schlitz in die Hände des Kommunikanten geschleudert. Das Ganze war natürlich bewusst überzogen und blieb nicht ohne Kritik.

Ein besonderer Knaller in Sachen religiöser Automation ist allerdings ein Segensroboter, den der Medienkünstler Alexander Wiedekind-Klein für die Weltausstellung der Reformation 2017 in Wittenberg entworfen hat. „BlessU-2“ heißt er, was in ganzen Worten „bless you-2“, zu Deutsch „sei gesegnet“, bedeutet. Er kann seine Arme heben und nach Wahl über einen Touchscreen mit männlicher oder weiblicher Stimme einen Segen sprechen – auf Wunsch wird der Text auch ausgedruckt: Segen to go.

Wovon ein Segen lebt

Das Ganze ist gar nicht so albern gemeint, wie es klingt: Die hessen-nassauische Landeskirche wolle damit eine Diskussion über die Digitalisierung, die ethischen Grenzen künstlicher Intelligenz und die Bedeutung des Segens anstoßen, wie es heißt. Offensichtlich gibt es auch in kirchlichen Kreisen hier und da Tendenzen, die die Grenzen zur Erblödung mit besonderer Begeisterung ausreizen.

Dabei haben überraschend viele Menschen einen sehr tiefen Sinn für die Bedeutung eines Segens. Die zahlreichen Segensfeiern für Verliebte oder für Paare, die ein Kind erwarten, auch für Jubelpaare oder für verwitwete Ehepartner zeigen das beeindruckend. Bei aller Skepsis gegenüber Kirche und Liturgie in weiten Kreisen der Gesellschaft: ein solches Ritual scheint nach wie vor vielen etwas zu sagen.

Doch es lebt davon, dass dieser Segen, diese göttliche Gutheißung, persönlich zugesprochen und womöglich durch eine Handauflegung auch körperlich erfahren wird. Dabei bleibt es nicht beim persönlichen Wohlgefühl. Denn im Segen segnet Gott. Er spricht jedem Menschen zu: „Du bist geliebt, egal was du tust oder lässt. Mein Ja zu dir steht. Immer und ewig.“ So klingt Gottes Glücksmelodie. Ohne jede Münze. Ein Segen!