SICHTWEISEN

Treter

Kein Kleidungsstück erzählt so viel wie alte Schuhe. Viele Kilometer Leben hat ein Mensch in ihnen zurückgelegt. Sogar einen berühmten Maler hat das fasziniert.

5. November 2025

Text: Pater Daniel Hörnemann OSB | Foto: Geminix2023 (Gemini Collection / Imago)

„Treter“ nennen wir alte Schuhe, die viele Kilometer und auf unterschiedlichsten Wegen ihre Besitzer getragen haben. Der Maler Vincent van Gogh hatte eine Affinität zu solcher Fußbekleidung, die nicht geschniegelt und gelackt daherkam, sondern deutliche Spuren andauernder Benutzung zeigte. Im Amsterdamer Van-Gogh-Museum ist eines seiner Gemälde zu sehen, das 1886 in Paris entstand. Vincent van Gogh gab ihm nicht einmal einen Titel, zum Gemälde ist nichts Schriftliches von ihm überliefert. Er konnte kaum ahnen, dass sein Bild andauernde heiße Kunst-Debatten anfachen würde. Doch keines der Schuhbilder hat solche Streitigkeiten unter Kunsthistorikern und Philosophen hervorgerufen wie dieses.

Es wurde im Jahre 2009 an das Kölner Wallraf-Richartz-Museum ausgeliehen, das ihm eine eigene Ein-Bild-Ausstellung widmete. Van Gogh, verkanntes, verarmtes Genie und genialer Psychiatriepatient, der schließlich Suizid beging, vermag bis heute Betrachter und Interpreten zutiefst anzuregen, stellt das kunsthistorisch eigentlich wenig bedeutsame, auf dem Kunstmarkt jedoch hochpreisige Gemälde bis heute ein wissenschaftliches Streitobjekt dar. 

Bäuerin oder Selbstporträt?

Der Philosoph Martin Heidegger hält die Schuhe für die dingliche Verkörperung des Daseins einer Bäuerin. Für den amerikanischen Kunsthistoriker Meyer Schapiro gehörten jedoch die Schuhe Van Gogh selbst und sind als sein Selbstporträt zu verstehen. Der französische Philosoph Jacques Derrida hingegen zweifelt daran, dass das in Braun und Gelb gehaltene Bild überhaupt ein Paar Schuhe zeigt, vielmehr ein paar Schuhe, denn es sind zwei linke Schuhe abgebildet, was ein Männliches und ein Weibliches bedeuten könnte.

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Die abgenutzten, fast in Originalgröße gemalten Schuhe symbolisieren die Strapazen eines harten Lebens. Die alten, abgetragenen Treter werden von Schnürsenkeln zusammengehalten, die mit ihren losen Enden auf dem Boden einen offenen Kreis bilden. Einer der Schuhe steht aufrecht, der andere gewährt umgeknickt Einblick in sein dunkles Inneres. Dunkel erscheinen sie vor dem helleren, undefinierbaren Hintergrund.

Harte Biographie

Abgetragene Schuhe sind ein ungewöhnliches Sujet für ein Gemälde. Sie stehen stellvertretend für eine abwesende Person und befördern die Suche nach ihrem Besitzer. Ein Bekannter in Paris erzählte, dass Van Gogh auf einem Flohmarkt alte Schuhe kaufte, mit denen er anschließend durch den Morast wanderte, bis er sie interessant genug fand zum Malen. Die müden Sohlen, die den Besitzer durch alle möglichen Strapazen und über lange Strecken getragen haben, das abgenutzte Leder, das von allen möglichen Orten und Begebenheiten Geschichten erzählen könnte, sie erinnern an die harte Biographie des Malers.

Wenn jemand sagt, „das hat mir die Schuhe ausgezogen“, dann ist etwas Überraschendes, Schockierendes, Unglaubliches oder Unerträgliches passiert, das einen aus der Fassung bringt. Das Bild lädt jeden Betrachter dazu ein, seinen eigenen Standpunkt zum Gemalten und darüber hinaus sein eigenes Objekt zu entdecken, das für sein Leben stehen könnte.