SICHTWEISEN

Überraschung

Was mag das neue Jahr bringen? Nichts Genaues weiß man nicht. Wenn das mal keine Chance ist!

7. Januar 2026

Text: Schwester Katharina Kluitmann | Foto: daboost (Panthermedia / Imago)

Es war im Sommerurlaub. Es wirkt nach. Ich war in einem meiner Lieblingswallfahrtsorte, in Heppeneert in Belgien, einem Pilgerort Unserer Lieben Frau von der Ruhe. Noch nie habe ich da eine große Wallfahrt erlebt. Ich war aber auch noch nie allein dort. Passenderweise viel Ruhe. Viele kleine Fleckchen für unterschiedliche Stimmungen, drinnen wie draußen. Zentral die Kirche mit dem Gnadenbild. Immer sitzen dort Menschen. Lange. Still. Betend. Mal fünf, mal zehn. So auch in dem Moment. Da kommt – man hört es an der Tür hinten – jemand herein. Eine männliche Stimme klingt durch die stille Kirche, hörbar überrascht: „Es gibt ja noch Gläubige!“

Mehr geschah nicht. Alle beteten ruhig weiter. Doch der Satz hängt. In meinem Kopf. In meinem Herzen. Dass Glaube überrascht. Wer pastoraltheologisch über Glauben in säkularisiertem Umfeld nachdenken möchte, lese das inspirierende Buch von Jan Loffeld „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“. Mein Punkt ist hier ein anderer: Wo überrascht andere mein Glaube? Passt Überraschung zum Glauben? Wann überrascht mich Gott?

Gottes Überraschungen

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Gottes erste Überraschung war echt der Knaller. Der Urknall. Eine verdutzte Amöbe, die feststellt, dass sie auf einmal da ist. Ein Löwe, der nicht nur irritiert eine Giraffe entdeckt, sondern irgendwann auch einen ersten Menschen. Die Leute, die überrascht den Kopf schütteln über Noach, der mitten im trockenen Land ein Schiff baut. Der alte Mann, aus der Heimat geholt von einer Stimme, die ihm sagt, er solle wegziehen. Armer Abraham! Der Hirte Mose, den die Überraschung neugierig macht, dass das Gestrüpp da hinten brennt und brennt und immer noch nicht verbrannt ist. Prophetinnen und Propheten, die verwirrt und oft erstmal abweisend feststellen, dass ein göttlicher Auftrag alles über den Haufen wirft. Mirjam aus Nazareth, der eine Stimme sagt, sie werde schwanger vom Geist. 

Schon überraschend, oder? Männer und vor allem auch Frauen, die Dinge tun, die eine Hierarchie verunsichern, die dann doch machtlos zuschauen muss, dass Gottes Überraschungskraft sich durchsetzt.

Manchmal überrascht sogar die Kirche

Und mein kleines Leben? Mein Überraschungsglaube? Dass es mich in diese Ordensgemeinschaft zog. Wie oft kleine Ereignisse und Menschen mich staunen lassen. Der Moment, als meine niederländische Mitschwester mich völlig aus dem Off fragte, ob ich total unüblich dort Oberin werden könnte. Die Gebetszeit, die ich lustlos beginne und in der ich doch spüre, dass Gott mich anrührt. 

Und auch die umgekehrte Erfahrung: hochgestimmte Erwartung an ein geistliches Ergebnis und es geschieht – scheinbar nichts. Manchmal überrascht mich sogar die Kirche, die festgefügte, starke Burg. Lebendigkeit und Geist werden spürbar. Freilassend. Ein bisschen freischwebend. Gut für handfeste Überraschungen.

Mich überraschen lassen von einem Überraschungsgott. Andere überraschen. Auch mit meinem Glauben. Vielleicht, wo ich es gar nicht mitbekomme. Der Mann in Heppeneert hätte ja auch leise staunen können, dass es noch Gläubige gibt. Hat er aber nicht.