Niemand kommt unverletzt durch dieses Leben. Ob absichtsvoll oder aus Versehen, immer wieder verletzen wir andere und werden selbst verletzt. Ruhelos kreisen unsere Gedanken um das Geschehene. Innerlich schreien wir empört auf: „Wie konntest du mir das nur antun?“ Wut, Enttäuschung, Schmerz und Ohnmacht vermischen sich zu einem Gefühlschaos, das unseren Alltag aus dem Takt bringt. Die Erinnerung an das Geschehene lässt uns nicht los. So gewinnt die Vergangenheit Macht über die Gegenwart und bestimmt unsere Lebensqualität. Anstatt frei und selbstbestimmt voranzugehen, bleiben wir innerlich an dem hängen, was hinter uns liegt. Die christliche Antwort auf diesen Zustand ist ebenso schlicht wie herausfordernd: Vergebung – stets und immer wieder.
Loslassen
SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.
Der Gedanke an Rache wirkt in solchen Momenten oft verführerisch. Für einen Augenblick verspricht sie Genugtuung. Doch selbst wenn ich den anderen zielsicher verletze, heilt das noch lange nicht meine eigene Verletzung. Schmerz verschwindet nicht dadurch, dass er weitergegeben wird. Im Gegenteil: Vergeltung setzt meist eine Spirale in Gang, die nicht nur die Beteiligten, sondern oft auch ihr gesamtes Umfeld vergiftet.
###ABO###
Jemandem zu vergeben, bedeutet vor allem, ihn loszulassen. Solange ich dazu nicht bereit bin, halte ich den anderen innerlich fest. Ich will noch immer etwas von ihm: eine Entschuldigung, Wiedergutmachung oder wenigstens die Bestätigung, dass ich im Recht bin. Ich trage ihm nach, was geschehen ist und belaste damit ausschließlich mich selbst. Genau darin liegt die Tragik: Ich schleppe die Last weiter mit mir herum, während der andere vielleicht längst unbeschwert seiner Weg geht – ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was sein Verhalten in mir ausgelöst hat. Es raubt wahnsinnig viel Kraft, vergangene Situationen, die sich nicht mehr ändern lassen, immer wieder zu zerdenken oder darüber nachzusinnen, wie ich nachträglich doch noch zu meinem Recht kommen könnte. Wer nicht vergeben kann, schadet vor allem sich selbst.
Verantwortung übernehmen
Vergebung bedeutet allerdings nicht, den anderen aus seiner Verantwortung zu entlassen oder das Geschehene zu verharmlosen. Sie bedeutet vielmehr, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Wer vergibt, entscheidet sich bewusst dafür, die Opferrolle zu verlassen und dem erlittenen Unrecht nicht länger die Macht zu geben, das eigene Denken, Fühlen und Handeln zu bestimmen. Vergebung ist deshalb zuerst meine Aufgabe. Sie betrifft mein Verhältnis zum Geschehenen und mein Verhältnis zu der Person, die mich verletzt hat. Sie geschieht unabhängig vom Gegenüber.
###RELATED###
Aus diesem Grund unterscheidet die Bibel sorgfältig zwischen Vergebung und Versöhnung. Vergebung kann ich allein vollziehen. Versöhnung hingegen betrifft die Beziehung zwischen zwei Menschen. Sie setzt voraus, dass der andere Verantwortung für sein Handeln übernimmt, seine Schuld eingesteht und selbst den Wunsch hat, die gemeinsame Beziehung auf eine neue, tragfähige Grundlage zu stellen. Wo diese Bereitschaft fehlt, kann Vergebung dennoch möglich sein – Versöhnung jedoch nicht.