SICHTWEISEN

Platzmangel

Gott will zur Welt kommen und Mensch werden. Doch die Welt hat keinen Platz für ihn. Damals wie heute. Oder?

24. Dezember 2025

Text: Schwester M. Ancilla Ernstberger | Foto: Stephan Kube (Relígio)

Es gibt wohl kein Krippenspiel, das die Herbergssuche von Maria und Josef auslässt. Und niemand kommt dabei so schlecht weg wie der hartherzige Wirt, der nicht einmal für eine junge Frau kurz vor ihrer Niederkunft einen Unterschlupf bietet. Ob es sich bei dieser derart ausgestalteten Szene um eine historisch haltbare handelt, darf bezweifelt werden.

Biblisch kommt sie nur beim Evangelisten Lukas vor, worin die Situation ganz emotionslos geschildert wird: „Sie (Maria) legte ihr Kind in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ Von einem Wirt ist nicht die Rede. Eine orientalische Herberge vor 2.000 Jahren während einer Volkszählung dürfte ein umtriebiger Ort gewesen sein, höchst ungeeignet, um dort ein Kind zur Welt zu bringen. Insofern ist die Lösung, für die Geburt einen weniger hektischen Ort auszusuchen, nicht die schlechteste Wahl.

Platzmangel auch im Kalender

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

„Vollgestopft und unerfüllt“ – so brachte es Henri Nouwen, ein niederländischer Theologe, vor Jahren auf den Punkt, wie viele Menschen ihr Leben empfinden. Schauen wir uns die Regale  der Supermärkte an, stecken wir in Staus oder zähfließendem Verkehr fest, nehmen wir unsere eigene Wohnung in Augenschein oder unseren Terminkalender, so wird manchem nicht entgehen, welch großer Platzmangel herrscht. Und dabei werten es manche ja durchaus als ein Zeichen eigener Wichtigkeit, wenn sie, gefragt nach einem Treffen, einer gemeinsamen Unternehmung, angesichts ihrer Terminfülle sagen müssen, sie hätten keine Zeit.

Aber verlieren wir uns nicht selbst aus dem Blick! Wie sieht das Platzangebot in meinem Herzen aus? Auch mein eigenes Innere kann vollgestopft sein mit Wünschen, mit Ärger, mit Vorurteilen, mit Ängsten oder mit negativen Gefühlen anderen gegenüber.

Der Wirt in mir

Unser Foto
"Krippe im Schutt": Installation von Simone Thieringer, bis zum 25. Januar 2026 zu sehen in der Krippenausstellung des Museums Relígio in Telgte. | Foto: Stephan Kube (Relígio)
Öffnungszeiten: Di bis So 11 bis 18 Uhr
1. Weihnachtstag und Neujahr 14 bis 18 Uhr
24. Und 31. Dezember geschlossen
 

Wenn für Freude, für gute Gedanken oder für Stille weder Zeit noch Interesse besteht, dann herrscht auch hier Platzmangel für das, was mein Leben bereichern und erfüllen könnte. Manche Menschen laufen Gefahr, sich von dem Vielerlei so in Besitz nehmen zu lassen, dass für das Beten, für die Beziehungspflege mit Gott kein Platz ist. 

Und der Wirt in mir selbst kann unterschiedliche Namen oder Funktionen haben: Arbeit, Bequemlichkeit, Frustration, Hobbys oder Desinteresse am Glauben. Sie alle können Gott signalisieren: „Hier ist kein Platz für dich! Wegen Überfüllung geschlossen!“

Gott ist nicht zudringlich

Aus der Weihnachtsgeschichte lernen wir: Gott ist nicht zudringlich. Wenn nicht bei mir, dann findet er auch noch woanders Platz. Aber ich hätte die Chance verpasst, mich vom Göttlichen beschenken zu lassen.

Stopfen wir also unser Lebenshaus, unsere Lebenszeit nicht zu mit Gedanken, Dingen oder Beschäftigungen, die allesamt weniger wert sind als unser je persönliches, unverwechselbares Leben. Bleiben wir Wirt in der eigenen Herberge, Herr im eigenen Haus, unserem Innersten, einer vor der Außenwelt verborgenen Schatzkammer, wo wir Platz für das Kostbarste reservieren, um so erfüllt zu werden von göttlicher Liebe und Freude.