Auch wenn er kaum mehr als einen Quadratmeter misst, so stellt er doch für viele Urlauberinnen und Urlauber an deutschen Küsten das schönste Zuhause auf Zeit dar - als verlässlicher Schutz gegen die heiße Mittagssonne, als guter Schirm gegen den kalten Nordwind oder als einladender Hort bei sommerlichem Nieselregen: der Strandkorb, heute mit rund 120.000 Exemplaren in je eigenen Nord- und Ostsee-Varianten auf Insel- und Festlands-Stränden vertreten, gilt seit rund 150 Jahren als deutsches Sondergut, das während des G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm weltweit bekannt wurde, als die damaligen Regierenden sich in einem eigens angefertigten Sondermodell zum Gruppenbild versammelten.
Schon in den 1960er Jahren durften sich die Ratefüchse in dem von Robert Lembke moderierten Quiz „Was bin ich?“ mit dem Beruf des Strandkorbvermieters auseinander setzen und dabei lernen, wie sehr dessen Ausübung im Lauf des Jahres zwei sehr unterschiedliche Schwerpunkte hat: Während in den Wintermonaten das alljährliche Reinigen, Ausbessern und Reparieren der Körbe ansteht, ist die eigentliche Vermietung nur von Ostern bis Oktober möglich. In diesen Monaten geht es dann umso mehr um Kundenakquise und das allmorgendliche Ausrichten der Körbe.
Der Sonne entgegen
SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.
Während andere die frühen Morgenstunden zum Joggen oder Strandsport nutzen, kommen Strandkorbvermieter und Helfer allein durch ihren Beruf in Bewegung: Wenn die ersten Urlauber des neuen Tages am Strand erscheinen, stehen alle Körbe wohlgeordnet in Reih und Glied und sind nach Osten, der aufgehenden Sonne entgegen, ausgerichtet.
Das sieht zum einen schön aus und macht sich prima auf Urlaubsfotos, hat zum anderen aber vor allem praktische Gründe: Insbesondere, wenn am Abend zuvor feucht-fröhliche Partys in den Sitzstühlen gefeiert wurden oder es in der Nacht geregnet hat, soll die aufgehende Morgensonne die Sitzgelegenheiten trocknen und den Gästen ohne große Eigenarbeit einen möglichst unbeschwerten Tag bereiten.
Eine Frage der Orientierung
Ich denke daran, dass es in vielen spirituellen Gruppierungen Übungen gibt, bei denen man sich, die dunkle Nacht und alles Gestrige hinter sich lassend, am Beginn jedes neuen Tages – möglichst mit Leib und Seele – nach Osten ausrichtet; und dass auch die allermeisten unserer Kirchen geostet sind: der aufgehenden Sonne entgegen, und damit aus christlicher Perspektive dem, der von sich selbst gesagt hat, dass er das Licht der Welt sei: Jesus Christus.
Manch einer wird sich erinnern, dass der frühere Bischof von Münster, Reinhard Lettmann, als Wahlspruch seines bischöflichen Dienstes „Dem kommenden Christus entgegen“ gewählt hatte. Das spiegelt eine Grundhaltung und Orientierung (im wahrsten Wortsinn), das verlangt zugleich eine immer neue Entscheidung und ‚Stellung-Nahme‘.
Von daher kann das Beispiel der Strandkörbe allen Christinnen und Christen und mit ihnen der gesamten Kirche eine Einladung sein, sich täglich neu für Christus zu öffnen und allein an ihm auszurichten – insbesondere an die, die in den ersten Reihen stehen oder für sich aufgrund ihres Amtes in Staat und Kirche in Anspruch nehmen, immer richtig aufgestellt zu sein und andere „einnorden“ zu können ...