SICHTWEISEN

Seelenheil

„Die Schlinge ist zerrissen – und wir sind frei!“: Was für ein Bild dafür, was zwischen Karfreitag und Ostern geschieht. Was für eine Erfahrung!

1. April 2026

Text: Heinrich Dickerhoff | Foto: Markus Nolte

Vor 50 Jahren erschien Erich Fromms Buch „Haben oder Sein“. Mit diesem Bestseller begann für mich die „Postmoderne“, die Einsicht, dass der technische und gesellschaftliche Fortschritt einen seelischen Preis fordert, dass seelische Schäden auch eine Ursache und Folge der Moderne sind. Aber während viele neu nach der „Seele“ fragten, wurde in der 1981 erschienenen Einheitsübersetzung der Bibel das Wort Seele zumeist ersetzt, durch „Leben“ oder durch „ich“. Bibel und Kirche sollten wohl nicht weltfremd und leibfeindlich erscheinen. 

Aber das biblische Seelenwissen ist weder abgehoben noch lebensfeindlich. Und während vielen Menschen fremd geworden ist, wie und worüber man in der Kirche spricht, gehört das Wort „Seele“ noch zum allgemeinen Wortschatz. Menschen wissen, was ihnen in der Seele wehtut, und sie wünschen sich, was heilsam ist für ihre Seele. Kirche allerdings gilt kaum noch als Hilfe für das „Seelen-Heil“ – da sind vor allem Psychologie und Psychotherapie gefragt, aber auch esoterische Lebensdeutungen. Und leider werde ich, wenn Menschen etwas für ihre Seele wollen, meist als Märchenerzähler eingeladen und nicht als Theologe.

Lebensgestalt und Geheimnis

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Ein Seelenwort, das in der Liturgie überlebt hat, erinnert uns daran, dass christlicher Glauben etwas zu tun hat mit der Gesundheit der Seele: „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!“ Das Seelenheil ist eine Glaubensfrage - nicht erst nach dem Tod, sondern schon hier und jetzt. Im biblischen Verständnis haben wir nicht eine Seele, wir sind Leib und Seele, sichtbare Lebensgestalt und inneres Geheimnis. 

„Seele“ ist das an uns, was un-begreiflich bleibt. Und mich doch ausmacht. Mich bewegt. Und doch den alten Mann, der ich nun bin, verbindet mit dem Kind, das ich war. Eine Sehnsucht, die über mich hinausreicht – die Mystik nannte das den „göttlichen Funken“. Was mich einmalig macht – und zugleich verbindet mit allem, was entsteht und vergeht.

Frei sein und leicht

Der Psalm 124 greift ein uraltes Seelenbild auf: „Unsere Seele ist wie ein Vogel …“ (7). Sehe ich Wildgänse über mich hinwegziehen oder einen Falken wie schwerelos über den Feldern kreisen, dann leuchtet mir ein, warum Menschen sich eine vogelgleiche Seele wünschen. Davonfliegen, frei sein und leicht, alles hinter mir lassen, was mich zu Boden zieht und einengt - das kommt mir in den Sinn, wenn ich diesen Vögeln nachschaue. Ganz anders, wenn ich zu Boden schaue und eine Nacktschnecke dahinkriechen sehe. Dann denke ich gewiss nicht: So möchte ich leben.

Der 124. Psalm verspricht uns keine heile Welt. „Unsere Seele ist wie ein Vogel der Schlinge des Jägers entkommen“, heißt es da. Es gibt genug Vogelfänger und Seelenverkäufer in der Welt. Doch fast trotzig geht es weiter: „Die Schlinge ist zerrissen – und wir sind frei!“

Mach dich nicht selbst zur Schnecke, sagt mir der Psalm. Krieche nicht durchs Leben,  verkrieche dich nicht im Schneckenhaus deines Ichs. Wo die Schlingen zerreißen und die Seele heil wird, da fliegt sie und singt wie ein Vogel.