SICHTWEISEN

Seelennahrung

Was braucht es zum Leben? Nicht nur für die Kehle, auch für die Seele. Für die Bibel ist das ohnehin dasselbe.

15. April 2026

Text: Heinrich Dickerhoff | Foto: Sternchenkiste (pixabay)

Was ein Stuhl ist, ist leicht zu erklären. Vier Beine, eine Sitzfläche, eine Rückenlehne.  Anders ist das mit allem, das an die Seele geht. Liebe. Glück. Trauer. Wir kennen diese Erfahrungen - doch sie so exakt definieren wie einen Stuhl können wir nicht.

Auch über die „Seele“ können wir nicht sprechen wie über einen Stuhl. Wir brauchen Bilder. Das altgriechische Wort für „Seele“ hieß „psychä“, Psyche, das heißt „Schmetterling“. Etwas Leichtes und Verletzliches ist in uns, manchmal kriecht es und krümmt sich wie eine Raupe, aber es kann sich auch verwandeln und fliegen. Und das hebräische Alten Testament hat nur ein Wort, „näfäsch“,  für „Seele“ und „Kehle“. Wie man einem Menschen die Kehle zudrücken kann, so kann man auch seiner Seele die Luft nehmen. In Albträumen ersticken wir, zu Meditationen gehören Atemübungen, und Singen tut der Seele gut, weil wir dabei viel Luft bekommen. 

Gott will, dass wir aufatmen

Mich erinnert der Blasius-Segen an den Zusammenhang von Kehle und Seele. Ein weiser Priester sagte mir dazu: „Vergiss die Gräten. Gott will, dass wir aufatmen. Und Kirche ist nur Kirche Jesu, wo Menschen aufatmen können!“ 

Unsere Seele braucht Freiheit. Nicht Ungebundenheit. Nicht freie Auswahl. Sondern freies Aufatmen. Ohne Angst und Enge. Wo das Reich Gottes anbricht, ist es wie am Meer: wir spüren unendliche Weite und Freiheit - und frische Luft, die uns tief ein- und befreit aufatmen lässt. Die Seele lebt von Luft. Und von Liebe.

Ginada heißt Zuneigung

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Mit Liebe meine ich hier nicht die immer begrenzte Liebe zwischen zwei Liebenden oder in einer Familie, sondern eine grundsätzliche Lebensfreundlichkeit. Ein Wohlwollen, mit dem man auf die Welt schaut. Einen Vertrauensvorschuss in den guten Grund, den unser Dasein hat. Leider erfahren nicht alle so viel von solcher Zuwendung, wie ihre Seele braucht. Doch ohne eine Ur-Erfahrung der Liebe würde kein Mensch seine ersten Tage überleben. 

Die überlebensnotwendig erste Erfahrung in dieser Welt ist, dass ein großer Mensch, meistens die Mutter, sich uns zuwendet und unsere Bedürfnisse stillt. Ginada, Zuneigung, hieß das im Althochdeutschen. Am Anfang leben wir aus reiner Gnade, der Geschmack der Liebe ist uns in die Wiege gelegt, ein Senfkorn Ur-Vertrauen. Und wann immer wir den Kopf nicht hängen lassen, sondern aufschauen, dann ahnt unsere Seele diesen Anfang. 

„Schön, dass du da bist!“

Und umgekehrt: wer nicht innerlich verkümmert ist, wird, wenn er ein kleines Kind sieht, sich herabbeugen, lächeln, die Stimme heben und dem kleinen Leben gut zureden. Wie immer die Worte dann lauten, jede Zuneigung sagt: „Schön, dass du da bist!“ Auch in späteren Jahren erinnert jede freundliche Zuwendung das Ur-Vertrauen. Jede ist ein Segen.

Luft und Liebe sind Seelennahrung. Willst du also für deine Seele sorgen, dann suche Orte und Zeiten des Aufatmens. Und Orte und Zeiten des freundlichen Willkommens. Die findest du am ehesten, wenn auch in deiner Nähe das Aufatmen leichtfällt und Freundlichkeit grüßt. Und was du schenkst, nährt deine Seele so gut wie das, was dir geschenkt wird.