Ich hatte eine schön katholische Kindheit. Das lag vor allem an meiner Mutter und ihrem rheinisch-lebensbejahenden Glauben. Aber auch meine Heimatpfarrei war ein freundlicher Ort. Der Pfarrer mochte die Menschen und das Leben. Und noch wichtiger war in meinen Kindertagen Fräulein Krämer, die Seelsorgshelferin.
Seelsorgshelferin. Diese Berufsbezeichnung gibt es nicht mehr, heute wäre Frau Krämer eine Gemeindereferentin. Doch ich mag die Bezeichnung „Seelsorgshelferin“. Nur verstehe ich sie anders, als es damals gemeint war. Seelsorgshelferinnen sollten die Geistlichen bei Katechese und Gemeindearbeit unterstützen, doch die eigentliche Seelsorge war „Hirten-Sorge“ um die Seelen der anvertrauten „Pfarrkinder“, dass sie sich nicht verirrten und so ihr „Seelenheil“ gefährdeten.
Sie fürchten das Leben
SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.
Für mich haben Seelsorge und Seelsorgshelfer einen anderen Sinn. Die „armen Seelen“, die ich kenne, fürchten nicht die ewige Verdammnis. Sie fürchten das Leben. Ich meine nicht Menschen mit psychischen Erkrankungen, die brauchen professionelle psychotherapeutische Hilfe. Doch auch Menschen, die nicht psychisch krank sind, leiden an dem Gefühl, die eigene Seele gehe verloren. Nicht nach dem Tod. Sondern hier und jetzt.
Manchmal hat ein schwerer Verlust ihre Seele erschüttert und verbogen. Oft aber ist es eher ein Gefühl der Leere. Eine tiefsitzende alte Kränkung, die wie ein Fluch auf ihnen liegt. Eine nagende Unzufriedenheit mit sich selbst. Eine Unfähigkeit, sich selbst und ihr Leben zu bejahen.
Selbst-Seelsorge
Seelsorge verstehe ich weniger als Sorge um, eher als Sorge für die Seele. Und was für die körperliche Fitness gilt, gilt auch für die seelische. Jede, jeder muss zunächst und vor allem selbst dafür sorgen. Diese Selbst-Seelsorge hat nichts zu tun mit dem ständigen Kreisen um die eigene Befindlichkeit. Im Gegenteil, es geht um eine Er-Lösung aus der Verkrümmung in sich selbst.
Und wieder gilt für die Seele wie für den Körper: Wir sollten nicht erst im Krisen- und Krankheitsfall für sie sorgen, sondern sie stärken, bevor sie verkümmern. Und ich bin sicher und habe es selbst erlebt: Eine christliche Lebenshaltung kann dabei helfen. Und wir können sie einüben.
Heimfinden ins Geheimnis
Kirche als „Fitness-Center für die Seele“! „Trainiert“ würden dort freilich weder Selbstbespiegelung noch Selbstoptimierung. Sondern Offenheit für und Heimfinden in das Große Geheimnis, das das Wort Gott erinnert. Kirche – und das sind wir alle – als unaufdringliche, verständnisvolle und glaubwürdige Seelsorgshelferin. Wäre das nicht ein guter Auftrag für die Kirche im postmodernen Deutschland?
Doch bleibt es dabei: jede, jeder kann und muss selbst für die eigene Seele sorgen. Vielleicht können wir als Christen dabei helfen. Weiterhelfen zu Dem, der der wahre Seelsorger ist. Das sagt mir besonders schön der 23. Psalm. Da ist Einer, der uns wie ein Hirt durch die Todschattenschluchten des Lebens begleitet. Der uns immer schon als Gastgeber des Lebens erwartet. Und wenn immer ich mich selbst verliere - „Er bringt mir die Seele zurück!“ (23,3).