Als ich vor ein paar Jahren eine Schulklasse zu Einkehrtagen begleitete, bat mich beim abendlichen Rundgang durch die Zimmer meiner Schülerinnen ein Mädchen, ich möge sie doch segnen. Ihre Tante, bei der sie bis vor kurzem aufgewachsen sei, hätte sie abends stets gesegnet. Jetzt entfalle dieser Abendsegen, da sie nun in einer Wohngruppe lebe. An den folgenden Abenden baten die anderen drei Mädchen dieses Zimmers dann ebenfalls darum, von mir persönlich gesegnet zu werden. Segen zieht Kreise.
Diese Begebenheit zeigt mir, wie sehr Menschen für Religiöses empfänglich sind, wie wichtig es ihnen ist, sich unter Gottes Schutz zu stellen. Überhaupt erleben wir dieses Phänomen in der Kirche, was der Zuspruch von Segnungsgottesdiensten zeigt. Zudem erbitten viele Menschen zu unterschiedlichsten Anlässen einen Segen, sei es für ein neues Haus oder Auto, um eine gute Ernte oder über Speisen, seien es der Reisesegen oder der Segen vor einer Prüfung, einer gefährlichen Operation, zum Geburtstag oder sonst einem persönlichen Gedenktag.
Hilfe von „oben“
SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.
Warum bauen so viele Menschen auf den Segen, während zugleich andere Formen religiöser Praxis schwinden? Einen Schlüssel dafür bietet Psalm 127, in dem es heißt: „An Gottes Segen ist alles gelegen.“ Offenbar empfinden Menschen aller Zeiten, dass unser Mühen, Arbeiten und Sorgen vergebens sind, wenn nicht Hilfe von „oben“, von Gott zuteil wird. Auf mich allein gestellt, komme ich oft an meine Grenzen: Es liegt längst nicht alles in meinem Wollen und meiner eigenen Macht.
Einen Hinweis für die alltägliche Praxis des Segnens finde ich im lateinischen Wort „benedicere“, was soviel wie „Gutes sagen“ bedeutet. Im Laufe eines Tages ergeben sich viele Gelegenheiten, aufmerksam jemandem aufrichtig zu danken, für eine Hilfe oder einen kleinen Gefallen. Indem ich einen anderen Menschen anschaue und grüße, ihn also wahr-nehme, an-erkenne, spürt er mein grundsätzliches Wohlwollen. Ich richte einen bedrückten oder traurigen Menschen auf, wenn ich ihm mein Ohr, mein Herz leihe. Selbst wohlwollende Gedanken haben die Kraft, eine Situation oder einen Menschen, der mir begegnet, mit Segen zu bereichern. Mit einem Segensgebet öffne ich im Alltag Raum für Gott - sowohl beim Segnenden wie auch beim Menschen, der Segen empfängt. Und schließlich: Segnen kann jeder Mensch, dazu bedarf es keines Weiheamtes!
Vorzeichen statt Vorsätze
Ein gutes Wort über das neue Jahr, das am 1. Januar als Weltfriedenstag eingeläutet wird, besitzt verwandelnde Kraft. Ich fasse keinen großen Vorsatz, sondern setze immer wieder ein positives Vorzeichen vor mein eigenes Denken und ergreife Möglichkeiten, die Atmosphäre um mich herum durch konstruktives Reden, durch eine entwaffnende Wortwahl zu verbessern, anstatt vieles pessimistisch schlecht zu reden.
Und was Abraham von Gott verheißen wurde: „Du sollst ein Segen sein“, könnte so als Jahresprogramm über meinem Leben stehen, ohne dass ich bereits Ende Januar feststellen müsste, dass meine guten Vorsätze alle auf der Strecke geblieben sind.