SICHTWEISEN

Un-Freiheit

Wir alle wollen in einer freien Gesellschaft leben. Doch was heißt Freiheit eigentlich? Da gehen die Meinungen auseinander.

5. August 2026

Text: Christian Olding | Foto: Filippo Carlot (edit citta 513/imago)

Wir versprechen uns viel von unserer Freiheit: Wir dürfen alles sagen, alles kaufen, alles sein. Doch schaut man genauer hin, leben wir in einer Zeit, in der Unfreiheit nicht mehr durch Ketten kommt, sondern durch ein leises, schleichendes System aus Erwartungen und Anpassungen. Wir haben Angst vor dem sozialen Kältetod, vor dem Shitstorm, davor „falsch“ zu liegen. Deshalb sagen wir weniger, als wir denken, und wagen weniger, als wir könnten. Wir funktionieren als Echo der Mehrheitsmeinung, statt als Originale mit eigenem Gewissen. Das ist keine Freiheit, das ist Feigheit.

Wir sind unfrei durch eine Ökonomie der Aufmerksamkeit. Wir scrollen uns durch fremde Leben, lassen uns von Algorithmen füttern und von Dauerempörung treiben. Doch wer nur noch auf den nächsten Reiz reagiert, hat aufgehört, sein Leben zu gestalten. Er wird zum Passagier im eigenen Kopf.

Das Gefühl der Ohnmacht

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke – das sind die Sichtweisen“, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Und dann ist da dieser subtile Optimierungsdruck. Wir knüpfen unseren Wert an unseren Output und werden zum Rädchen in einer Maschine, die keine Gnade kennt.

Die gefährlichste Unfreiheit aber ist das Gefühl der Ohnmacht. Angesichts globaler Krisen und innerem Chaos ziehen wir uns ins Private zurück oder flüchten in den Zynismus. „Man kann ja eh nichts machen.“ Genau in diesem Moment geben wir unsere Freiheit auf und machen uns zum Opfer der Umstände.

Unfreiheit heißt: getrieben sein von Angst, Impuls und fremden Ansprüchen.

Corrie ten Boom würde uns vermutlich anschauen und sagen: „Freiheit beginnt nicht, wenn die Umstände gut sind.“ Als die Nationalsozialisten in den Niederlanden Juden jagten, hat ten Boom ihr Haus geöffnet und Menschen versteckt. Sie hat sich entschieden und entsprechend gehandelt. Genau da beginnt echte Freiheit.

Eine tiefere Freiheit

Ten Boom kam ins Gefängnis und schließlich ins Konzentrationslager Ravensbrück, wo ihre Schwester starb. Wenn Freiheit nur äußere Unabhängigkeit wäre, dann war ten Boom dort vollkommen unfrei. Doch genau in der Situation zeigte sich eine andere, tiefere Freiheit. Sie ließ sich nicht bestimmen von Hass. Nicht von Angst. Nicht von dem System, das sie brechen wollte.

Sie überlebte und hat später einem ehemaligen KZ-Wächter die Hand gereicht. Nicht, weil es sich gut anfühlte. Sondern, weil sie sich entschied, dass das Böse nicht das letzte Wort über ihr Herz haben darf.

Das ist eine tiefere Freiheit, die heißt: Ich bin nicht das Produkt der Umstände. Ich bin nicht das Echo dessen, was man mir antut.

Was Freiheit bedeuten kann

Wenn wir heute über Freiheit sprechen, meinen wir meistens die maximale Auswahlmöglichkeit. Wir wollen uns alle Türen offenhalten, immer noch einen Ausweg für den Fall der Fälle haben. Doch diese Form der Freiheit macht uns paradoxerweise unfrei: Sie führt in eine lähmende Unverbindlichkeit, in der wir zwar alles sein könnten, aber letztlich nichts wirklich gestalten.

Für mich bedeutet Freiheit deshalb die Souveränität, zu einer Sache, einem Menschen oder einer Überzeugung „Ja“ zu sagen – und diese Entscheidung dann mit Leben zu füllen. Ich glaube, erst in dieser Verbindlichkeit und Verlässlichkeit entsteht die Tiefe und Echtheit, die unser Handeln wirksam macht.