SICHTWEISEN

Un-Abhängigkeit

Mach was aus dir! Sei du selbst! Eigentlich keine schlechte Idee. Aber allein schafft das niemand.

12. August 2026

Text: Christian Olding | Foto: anuppanthi (pixabay)

Einige der erfolgreichsten Botschaften unserer Zeit klingen stark und befreiend. „Glaube an dich selbst.“ „Selbst ist die Frau.“ „Selbst ist der Mann.“ Dahinter steckt die Idealvorstellung eines unabhängigen Menschen, der möglichst niemanden braucht und sein Leben aus eigener Kraft meistert.

Das klingt zunächst attraktiv. Wer möchte schon abhängig sein? Doch je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir: Diese Erzählung ist nicht nur unrealistisch. Sie ist eine der großen Lebenslügen unserer Gesellschaft. Kein Mensch trägt sich allein. Kein Mensch wird allein zu dem Menschen, der er ist.

Glück in Selbstoptimierung

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

Interessanterweise setzt die Bibel genau an diesem Punkt an. Das erste Mal, dass Gott etwas als „nicht gut“ bezeichnet, betrifft weder Krankheit, noch Leid, noch Schuld. Gott sagt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.“ Der Mangel des Menschen besteht nicht in seiner Begrenztheit, sondern in seiner Isolation. Er ist von Anfang an auf Beziehung hin geschaffen. Der ehemalige Oberrabbiner Jonathan Sacks brachte es auf den Punkt: „Wir finden den Sinn des Lebens nicht in uns selbst, sondern zwischen uns.“

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Das widerspricht fast allem, was unsere Kultur täglich einübt. Viele Menschen suchen ihr Glück in Selbstoptimierung. Sie investieren in Fitness, Karriere und Persönlichkeitsentwicklung. Sie optimieren Kalender, Ernährung und Schlaf. Daran ist nichts falsch. Problematisch wird es, wenn daraus die Vorstellung entsteht, das Leben sei ein Ein-Mensch-Projekt.

Beziehung kommt vor Veränderung

Die Folgen sind sichtbar. Viele tragen ihre Belastungen allein, verschweigen ihre Sorgen und funktionieren nach außen tadellos. Innen aber wächst die Erschöpfung. Denn Lasten werden nicht leichter, indem man sie verschweigt. Die Wahrheit lautet: Abhängigkeit ist kein Betriebsunfall des Menschseins. Sie gehört zu seinem Wesen. Vielleicht besteht eine der größten Tragödien unserer Zeit darin, dass Menschen lieber still ausbrennen, als rechtzeitig um Hilfe zu bitten.

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Dabei kennt die Bibel dieses Ideal des autonomen Menschen überhaupt nicht. Sie erzählt vielmehr von Menschen, die gerade dort neue Hoffnung finden, wo sie sich auf andere einlassen. Beziehung kommt vor Veränderung. Das zeigt sich auch in der Begegnung Jesu mit Zachäus. Der hatte Geld, Einfluss und Erfolg und blieb doch ein verachteter Außenseiter. Jesus beginnt nicht mit einer Moralpredigt. Er stellt keine Bedingungen. Er sagt lediglich: „Heute muss ich in deinem Haus einkehren.“ Annahme geht Umkehr voraus.

Beziehungen statt Argumente

Vielleicht liegt darin ein Schlüssel für viele Veränderungen. Wir glauben oft, Menschen ändern sich durch bessere Argumente. Doch häufig verändern sich Menschen durch bessere Beziehungen. Weil jemand an sie glaubt. Weil jemand ihnen zuhört. Weil jemand bleibt.

Das christliche Menschenbild lautet nicht: Der starke Mensch schafft alles allein. Es lautet: Der Mensch lebt von Gott und vom Miteinander. Alleingänge machen selten stärker, wohl aber tragfähige Beziehungen – oder, wie es der Talmud scharf formuliert: „Entweder Gemeinschaft oder Tod.“