Ein Jahr 6.700 Kilometer weit weg in Tansania

18-Jährige aus Herzfeld als Missionarin auf Zeit nach Afrika

Aufgeregt? „Ein bisschen“, sagt Judith Ebbinghaus aus Herzfeld. In wenigen Tagen fliegt die 18-Jährige für ein Jahr nach Tansania. Für ein Jahr heißt es Abschied nehmen von Freunden, Familie, der Heimat: allem, was vertraut ist – und rein in eine Welt, die noch unbekannt und neu vor ihr liegt.

Die Herzfelderin wird Missionarin auf Zeit (MaZ). Was heißt das überhaupt? „Das ist ein kirchlich-sozialer Freiwilligendienst. Früher sind Ordensleute als Missionare nach Afrika gereist. Missionare auf Zeit sind keine Ordensleute, doch sie haben die Gelegenheit, ein Projekt zu begleiten. Das Ganze steht unter dem Motto ‚Mitleben, mitbeten, mitarbeiten“, sagt Ebbinghaus.

Mitarbeit bei Missionsschwestern

Sie selbst reist mit der Spiritaner-Stiftung in den Norden Tansanias. In Poli Singisi, einem kleinen Dorf bei Arusha, ganz in der Nähe des Kilimandscharos, wird sie an einer berufsfördernden Schule für Mädchen mitarbeiten. Dort leben die „Missionsschwestern vom Kostbaren Blut“: zehn Schwestern, dazu die Novizinnen, Postulantinnen und die 15 bis 20 Jahre alten Schülerinnen.

Das Ziel ist ein kleines Dorf nahe Arusha im Norden Tansanias. | Grafik: Eva Lotta Stein
Das Ziel ist ein kleines Dorf nahe Arusha im Norden Tansanias. | Grafik: Eva Lotta Stein

An der Schule wird es ihre Aufgabe sein, die Mädchen in Deutsch und Englisch zu unterrichten, die Lehrkräfte zu unterstützen und kleine Büro-Arbeiten zu übernehmen. Dass es der Schule ein Anliegen ist, den Schülerinnen Fremdsprachen beizubringen, könne gut mit der Region zusammenhängen, denkt Judith Ebbinghaus: „Die Gegend ist durch die Nähe zum Kilimandscharo vom Tourismus geprägt.“ Arusha liegt etwa auf 1.400 Metern Höhe. Ganzjährig ist es also weniger heiß als im Rest des Landes, sondern 25 bis 28 Grad.

Nicht alleine in Afrika

Die Idee zur Missionarin auf Zeit kam Ebbinghaus, als sie auf das Abitur zuging: „Da gab es dann die Überlegung: Was mache ich nach dem Abi? Vage kam mir das Ausland in den Sinn, woraufhin ich mich über verschiedene Kontakte informiert habe. Es sollte ein Freiwilligendienst werden. ‚Work and Travel‘ oder ein Jahr als Au-Pair wären nicht so meins gewesen. Bei der Spiritaner-Stiftung konnte ich Wünsche äußern, und dann haben wir gemeinsam geschaut, welches Projekt zu mir passt.“ Auch Südafrika kam für die 18-Jährige in Frage, aber bei einem Info-Wochenende zu Tansania fühlte sie sich doch wohler.

Mit Ebbinghaus reisen sechs andere Jugendliche über die Stiftung nach Afrika und Südamerika. Zwei von ihnen sind sogar in relativer Nähe, einer im Süden Kenias, also etwa 350 Kilometer nördlich von ihr und noch eine weitere südlich in Tansania.

Gemeinsam mit Letzterer wird sie von Frankfurt aus nach Afrika fliegen. Erst geht es für mehr als eine Stunde nach Amsterdam, von wo sie ungefähr acht Stunden zum Flughafen Kilimandscharo nach Tansania reisen.

Positive und negative Erfahrungen

Die Herzfelderin denkt, dass sie auch vor Ort etwas mit den anderen unternehmen kann: „Ich kenne meine Arbeitszeiten ja noch nicht, aber in der Freizeit können wir bestimmt mal etwas machen. Wir haben auch Urlaubstage und dazu die Ferien der Schule. Zudem werde ich mit den Schülerinnen etwas starten können; die sind ja in meinem Alter. Bestimmt gibt es auch mal die Möglichkeit, andere Teile des Landes zu erkunden.“

Sie hofft, viele Erfahrungen machen zu können und ist sich bewusst, dass es positive wie negative sein können: „Ich denke, bei bestimmten Themen kann ich meine Sensibilität stärken, beispielsweise in puncto Rassismus, aber auch im Sexismus, denn in Tansania ist die Rolle von Mann und Frau anders als in Deutschland.“

„Ganz andere Welt in der gleichen Welt“

Bei den vielen Stereotypen ist es Judith Ebbinghaus wichtig, sich ein eigenes Bild zu machen: „Die Menschen sehen immer nur Ausschnitte, aber ich möchte mich jetzt selbst damit auseinandersetzen. Das ist eine ganz andere Welt in der gleichen Welt.“

Vorurteile möchte sie also aus dem Weg räumen: „Für uns hört es sich immer gleich so abwertend an, wenn wir erfahren, dass Menschen in Lehmhütten wohnen. Dabei ist es wegen des Klimas einfach viel praktischer. Oder wir denken viel an Armut. Klar, ist auch das ein Thema, aber es leben nicht alle in Armut“, erklärt sie.

Alles weitere will die 18-Jährige auf sich zukommen lassen: „Ich möchte auch nicht zu konkrete Erwartungen haben, sonst mache ich mir nur zu viele Gedanken“, sagt sie und muss lachen.

Abschied wird nicht einfach

Für ihr Jahr hat sie viele Vorbereitungen hinter sich. Nach dem ersten Info-Wochenende starteten mehrere Seminare – mal liturgisch geprägt, dann ein Lehrgang zur Kolonialgeschichte Afrikas und zwei Wochen Sommer-Kurs, der vor allem Stereotype und Vorurteile thematisierte. Während ihrer Zeit in Tansania wird es Treffen mit anderen Missionaren auf Zeit geben. Und auch die Sprache Kisuaheli muss sie noch ein wenig lernen.

Wie es nach Tansania weitergeht, weiß die 18-Jährige noch nicht genau: „Ich würde gerne eine Ausbildung machen, vielleicht im Gesundheitswesen. Etwas mit Fremdsprachen oder Pädagogik und Sozialpädagogik könnte ich mir auch gut vorstellen.“ Zunächst steht aber der baldige Abschied bevor: „Ich bin eigentlich nicht so gut im Abschiednehmen, aber in einem Jahr bin ich ja wieder da. Jetzt genieße ich erstmal meine Zeit zuhause.“

Finanziert werden Missionare auf Zeit zu 75 Prozent vom Freiwilligendienst „Weltwärts“. Den Rest sammeln die MaZler über Spenden von Solidaritätskreisen. Alle Informationen dazu gibt es hier.