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Von Leuchttürmen, Aufbrüchen und einer wachsenden Diaspora

30 Jahre Deutsche Einheit – wie geht es den Katholiken im Osten?

  • Zahlenmäßig ist die Kirche in den ostdeutschen Bistümern auf dem Rückzug.
  • Nur Stadtgemeinden wie in Leipzig und im Großraum Berlin wachsen.
  • Dennoch gibt es Kreativität, Aufbrüche - und eine hohe Kirchenbindung bei denen, die bleiben.
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Sonntagmorgen in der Leipziger Propstei: Volle Bänke, Kinderlärm im Kirchenschiff. Oft war es so bis zur Corona-Krise, und Propst Gregor Giele hofft, dass es wieder so wird. Die katholische Hauptgemeinde der Stadt ist jung –  das Durchschnittsalter der Gemeindemitglieder beträgt 37 Jahre – und wächst: Jährlich kamen zu den mehr als 5.000 Katholiken rund 150 dazu.

Mit ihrem Kirchneubau, dem größten nach 1990 in Ostdeutschland, sorgten die Leipziger für Aufsehen. Die Leipziger Propstei zählt – wie einige Gemeinden vor allem in und um Berlin – zu den Gewinnern der Wiedervereinigung. Die zuletzt boomende Messestadt zog junge Familien aus Ost und West an, unter ihnen viele katholische. „Sie brachten frischen Wind“, so Giele.

Außerhalb der Städte dünnen die Gemeinden aus

Doch Lichtblicke wie diese können die Schatten nicht überstrahlen. In Ostdeutschland ist die Kirche – stärker noch als im Westen – zahlenmäßig auf dem Rückzug. Seit 1990 sank die Zahl der Ost-Katholiken von geschätzt 1,3 Millionen auf 840.000. Die Ursprungszahl mag überhöht gewesen sein, da es in der DDR keine Registrierung gab. Der Schwund bleibt dennoch erschreckend. In keinem Ostbistum kommen die Katholiken auf zehn Prozent der Gesamtbevölkerung.

Außerhalb der Städte dünnen die Diaspora-Gemeinden aus. Daran ändern auch volkskirchliche „Inseln“ wie das thüringische Eichsfeld und das sächsische Sorbengebiet nur wenig. Zu Kirchenaustritten kommen die rückläufigen Geburtenzahlen und eine jahrelange Abwanderung junger Menschen aus Mangel an Arbeitsplätzen. „Das Christentum wird wieder zur Stadtreligion“, sagt der Erfurter Altbischof Joachim Wanke (79) und erinnert an die Ursprünge in der Antike.

Hohe Zahlen beim Messbesuch

Wer blieb, ist jedoch besonders kirchentreu: Der sonntägliche Gottesdienstbesuch liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt von rund neun Prozent. Spitzenreiter ist das Bistum Görlitz, wo sonntags fast jeder fünfte Katholik in der Messe ist. Dazu mag beitragen, dass Zuwanderer aus Polen vor allem die Gemeinden an der Oder-Neiße-Grenze spürbar verstärkt haben.

Ausgeblieben ist eine Bekehrungswelle. „Der Ostdeutsche ist religiös unmusikalisch geworden“, interpretiert der Erfurter Philosoph Eberhard Tiefensee. Eine feindselige Haltung sei damit nicht automatisch verbunden. Ostdeutsche „Heiden“ zeigten immer wieder unerwartetes Interesse an Kirche und Religion.

Finanziell auf Hilfe angewiesen

Als Erfurter Bischof hat Wanke in 30 Jahren Amtszeit nach neuen pastoralen Modellen gesucht, um die Kirchenschwellen niedriger zu machen. Die Deutsche Bischofskonferenz quittierte die Experimentierfreude mit der Gründung einer Arbeitsstelle für missionarische Pastoral in Thüringens Landeshauptstadt. Die Ost-Bistümer bleiben gleichwohl auf Finanzhilfe der West-Diözesen angewiesen. Die Zuschüsse machten lange einen erheblichen Teil der Bistumshaushalte aus.

Trotz knapper Mittel haben die Ost-Bistümer auch Chancen genutzt. Zu ihren „Leuchttürmen“ gehören eine Reihe katholischer Schulen, die selbst von nichtchristlichen Familien stark nachgefragt werden. An den gesellschaftlichen Debatten beteiligen sich nun Katholische Akademien, deren Gründung während des kommunistischen SED-Staats unmöglich war.

Die Erfurter Hochschul-Theologen, zur katholischen Fakultät erhoben, prägen die wiedergegründete Universität mit. Und vor einem Jahr erhielt auch die Berliner Humboldt-Universität ein Institut für Katholische Theologie.

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