___STEADY_PAYWALL___

Queen Elizabeth II. gratuliert Lembecker zum Jubiläum

90 Jahre und seit 1952 an der Orgel - "Orgel-Bernhard" übt täglich

Bernhard Wolthaus ist 90 Jahre alt und aktiver Organist in Lembeck. | Video: Marie-Theres Himstedt
Bernhard Wolthaus sitzt an der Orgel in Lembeck.
  • Ohne Telefon und Handy, dafür pünktlich mit dem Glockenschlag spielt Bernard Wolthaus in Dorsten-Lembeck seit 1952 die Orgel.
  • Immer noch leitet der 90-Jährige den Kirchenchor und den Männergesangsverein.
  • Zum 65. Dienstjubiläum gratulierte sogar die Queen von England.
Anzeige

Frischen Schrittes geht Bernhard Wolthaus auf den Seiteneingang der Lembecker Kirche St. Laurentius zu: „Bisschen hab‘ ich was am Knie“, sagt er, bevor er sich in der Sakristei von Pfarrer Alfred Voss seinen Liederzettel abholt. Wenn die Glocken zur Neun-Uhr-Messe läuten, ist Wolthaus zur Stelle, so wie jeden Morgen seit 1952.

Mit 90 Jahren, davon knapp 70 Jahre als Organist in Lembeck, dürfte Wolthaus der älteste noch aktive Kirchenmusiker im Bistum Münster sein. Mit Stolz schauen die Lembecker auf „ihren Orgel-Bernhard“, wie Wolthaus hier herzlich bezeichnet wird. Zügig steigt er die 20 Stufen zum Orgelboden hinauf, vorbei an einer DIN-A3-großen Marmortafel mit Orgelpfeifenrelief, „60 Jahre Bernhard Wolthaus – Organist in St. Laurentius“ steht darauf – ein Geschenk der Pfarrei zu Wolthaus' Dienstjubiläum 2012.

Drei Dirigentenpreise hat er erhalten, und sicher doppelt und dreifach so viel Applaus für Konzerte und Auftritte mit dem Männergesangsverein „Frohsinn“ und den Lembecker Kirchenchor, die er immer noch leitet.

Vom Hof der Eltern an die Orgel

90 Jahre und kein bisschen leise: Seit 1952 spielt Bernard Wolthaus in Dorsten-Lembeck die Orgel. | Foto: Marie-Theres Himstedt
90 Jahre und kein bisschen leise: Seit 1952 spielt Bernard Wolthaus in Dorsten-Lembeck die Orgel. | Foto: Marie-Theres Himstedt

Die großen Orgelbücher, die eigentlich für die Benutzung vorgesehen sind, lässt Wolthaus links auf der Empore liegen. Lieber setzt er die Akkorde handschriftlich mit einem kleinen Bleistift in sein Gotteslob auf dem kleinen Notenhalter: „Das ist handlicher.“ Überhaupt, Musik ist Handwerk, aber auch sein Leben. Dass er so hier noch sitzen könne, erfülle ihn mit großer Dankbarkeit: „Mein Vater starb, als ich elf war.“ Aufgewachsen mit vier Geschwistern kam ihm die Rolle des Familienvorstands zu. Er unterstützte die Mutter beim Bewirtschaften des Hofes Krampe, noch mit Pferd und Wagen.

Aber schon von Kindesbeinen an war er von der Musik begeistert und sein Talent wurde von seinen Lehrern erkannt und gefördert, vor allem von Hauptlehrer Weichselbaum, der gleichzeitig Organist war und den jungen Mann ausbildete, so dass er ab November 1952 im Alter von 21 Jahren nach Weichselbaums Versetzung sein Nachfolger werden konnte. Damit bot sich ihm die Gelegenheit, seine Leidenschaft zu seinem Beruf machen zu können: „Als wir die Kühe abgeschafft haben, durfte ich nach Münster zur Bischöflichen Kirchenmusikschule“, erinnert sich Wolthaus. Wie habe er geübt, um auch die schwierigste Notenreihe, As-Dur, sicher zu beherrschen! „Und was kam in der Prüfung dran? As-Dur natürlich, mit den vier ,b‘ drin“, ruft Wolthaus in den Kirchraum.

Gemeindegesang hat er vermisst

Er freut sich sehr, dass die Regelungen zur Bekämpfung der Pandemie zunehmend gelockert werden und er endlich wieder mit der Gemeinde gemeinsam spielen könne. Den Gesang hat er schmerzlichst vermisst: „Ich spiele nach dem Volk. Ich lasse ihm eine Atempause“, ist seine Herangehensweise für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste. Neben dem Orgelspielen, das er täglich eine Stunde in der Kirche übt, liegt ihm auch die handwerkliche Pflege der „Königin der Instrumente“ am Herzen: „Da hab ich viel selbst gemacht.“ Auch das Stimmen habe er zwischenzeitlich übernommen.

Ob er denn das absolute Gehör habe, habe ihn mal einer der acht Pfarrer, die Wolthaus in seiner Dienstzeit in Lembeck erlebt hat, gefragt: „Nur, wenn ich wach bin“, habe dieser im Scherz geantwortet, ab da war die Sache klar. Überhaupt kursieren zahlreiche Anekdoten über die Institution Wolthaus im Dorf, unter anderem festgehalten in der Chronik zum 1000-jähigen Bestehen Lembecks.

Queen Elizabeth II. gratuliert Wolthaus

Zu Wolthaus' 65-jährigen Dienstjubiläum gratulierte sogar die Queen. Der Vorstand des Vereins „1000 Jahre Lembeck“ kam 2017 auf die Idee, nach England zu schreiben, verbunden mit dem Hinweis, dass Bernhard Wolthaus genauso lange seiner Berufung treu ist wie Queen Elizabeth auf dem Thron: „Daraufhin kam postwendend ein Brief vom Buckingham Palace, in dem die Hofdame der Königin Bernhard Wolthaus gratulierte und ihm ihre Anerkennung für seinen hingebungsvollen Dienst (dedicated service) aussprach. „Über diesen Brief hat er sich sehr gefreut, obwohl er eigentlich ungern im Mittelpunkt steht und wenig Wert auf Ehrungen legt“, schreibt Ludwig Drüing, Mitglied im Kirchenvorstand der Pfarrei St. Laurentius, für die Dorfchronik.

Ebenso weiß er, dass Wolthaus kein Handy oder Telefon besitzt, wohl aber hilfsbereite Nachbarn, die im Notfall zur Stelle sind. Derer gab es glücklicherweise nicht viele, wie es in dem Jubiläumsbuch heißt: „Einmal meinte er mit seinen gut 80 Jahren, dass es wieder mal an der Zeit sei, das Dach seiner Scheune zu reparieren. Er stellte eine lange Leiter an die Dachrinne der Scheune und kletterte hoch. Dummerweise fiel die Leiter um und er konnte nicht mehr herunter. Da kam Hilfe in Gestalt von ,Doc Fritz‘, wie der Mediziner Dr. Fritz Geisthövel genannt wurde. Er stellte die Leiter wieder auf, und Bernhard konnte beruhigt herunterklettern. Für solche Gelegenheiten braucht Bernhard einen Arzt. Normalerweise ist er nämlich kerngesund und braucht keinen medizinischen Beistand.“

Der Kirchengemeinde und dem Dorf ist nur zu wünschen, dass ihnen ihr „Orgel-Bernhard“ noch lange erhalten bleibt.

Drucken
Anzeige
Anzeige
  • Streffing Krimis
  • Kirche und Leben als E Paper
  • Live-Talk zum Synodalen Weg im Medienhaus des Bistums Münster
Anzeige
  • Kampanile - Medieagentur