GLAUBEN

Gott wird Mensch – will man das wirklich?

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Wir feiern in diesen Tagen die Menschwerdung Gottes. Warum uns das nachdenklich machen sollte, erklärt Matthias Sellmann.

Das Weihnachtsfest steht vor der Tür. Es ist bei Vielen von angenehmen Empfindungen begleitet. Weihnachten ist das Fest des Mensch-Seins, heißt es. Kirche und Theologie lehren, erzählen und feiern, dass Gott Mensch geworden ist.

Also begeht man das Mensch-Sein: Man kommt als Paar, Familie, Gruppe zusammen; man achtet auf das körperliche Wohl; man wird sensibler auf Armutssituationen; man ist insgesamt irgendwie ‚menschlicher‘ gestimmt als sonst.

Was einen nachdenklich werden lässt

„Mach’s wie Gott, werde Mensch“ – so hat der frühere Bischof von Limburg, Franz Kamphaus, mal getitelt. Ich möchte das ernst nehmen und gerade deswegen fragen: Kann man eigentlich wirklich wollen, dass Gott Mensch wird? Erkennbar sind hier große dogmatische Traktate aufgerufen, die durch die Jahrhunderte hindurch erarbeitet haben, dass Gott natürlich nicht sein Gott-Sein verliert, wenn er Mensch wird. 

Aber wenn das Glaubensgeheimnis der Menschwerdung noch einen Unterschied machen soll, muss man doch mindestens feststellen: Auf jeden Fall bleibt dieser Gott nicht im selben Sinn Gott, wie man das ohne Menschwerdung behaupten würde. Und so schnell man darin sogar das besonders Positive des Christentums finden will – so sehr kann es einen auch nachdenklich machen.

Das gilt jedenfalls für mich.

Was man Gott zuschreiben möchte

Der Autor
Matthias Sellmann, Jahrgang 1966, ist Theologe und Sozialwissenschaftler, Professor für Pastoraltheologie an der Universität Bochum, Mitglied des Synodalen Weges. Er ist zudem Berater der Deutschen Bischofskonferenz und Direktor des Zentrums für angewandte Pastoralforschung in Bochum. Sellmann ist Mitglied der Synodalversammlung und des Synodalen Ausschusses. Außerdem war Sellmann Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Denn ich hätte an vielen Stellen spontan und intuitiv gerne einen Gott, der sich gerade nicht auf das Niveau des Mensch-Seins begibt. Wie oft wünsche ich mir zum Beispiel einen Gott, der alles weiß, der alles kann und der sich immer in allem als Güte erweist? Ich hätte gerne jemanden, der mir die Rätsel meines persönlichen Lebens klärt und erklärt; der die Klimakrise abbiegt; der den Lügnern und Tyrannen in bestimmten Regierungen ihr übles Handwerk legt; der verhindert, dass der Mann an der Ecke auf der Straße übernachten muss.

Allwissenheit, Allmacht, Allgüte – das sind ja ausgewählte Prädikate, die man üblicherweise einem Gott zuschreibt. Genau so wird man aber keinen Gott beschreiben können, der Mensch geworden ist. Menschen sind hochgradig geistig, handelnd und charakterlich begrenzt. Sagen wir es frei heraus: Menschen sind meistens unwissend, ohnmächtig und moralisch ambivalent. Ein Gott, der Mensch wird, wird sich eher diesen Prädikaten annähern.

Glaubend Weihnachten feiern heißt also wohl auch: Gott nicht mehr so zu sehen und nicht mehr so zu beanspruchen, als wäre er nicht Mensch geworden.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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