Biblisch gesehen rummst es kräftig vor dem Fest

Adventsstimmung: Gott spielt keine Blockflöte

Dass es immer still und leise wäre, wenn Gott ins Spiel kommt, ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Üblicherweise kracht es nämlich gewaltig in der Bîbel, wenn er von sich hören macht.

Von wegen stille Zeit! Keine Sorge, hier geht es nicht um Weihnachtslieder-Dauerbeschallung in Radios und Kaufhäusern, nicht um den Stress vor dem Fest, dem wir angeblich so hilflos ausgeliefert wären. Die Rede ist sehr wohl vom christlich begangenen Advent, über den es immer heißt, er sei eine Zeit der Stille und der Besinnung. – Ist er nicht! Jedenfalls nicht nur.

„Jüngste Gericht“ von Hans Memling (um 1470)Wenn Gott am Ende der Zeit wiederkommt, dann mit Pauken und Trompeten, wie dieses „Jüngste Gericht“ von Hans Memling (um 1470) zeigt. | Foto: Wikipedia

Da mögen im Advent noch so heimelige Lieder in gedecktem Moll und noch so beruhigende Meditationen im Kerzenschein angeboten werden – biblisch gesehen beginnt die angeblich so besinnliche Zeit auf Weihnachten zu mit einem ziemlich ambitionierten Schreihals. Ein kräftiges Organ scheint auch nötig gewesen zu sein, denn dieser Lautsprecher Gottes brüllt seine Botschaft weit entfernt von bevölkerten Orten: „Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg!“ So wird die Ankunft Gottes als Mensch, also an Weihnachten vor 2000 Jahren, eingeleitet. So beginnt das älteste Evangelium seine Jesus-Geschichte, jenes nach Markus.

Und so lautstark endet die Geschichte Gottes mit den Menschen, wenn er wiederkommt – zum letzten Mal, am jüngsten Tag. Im Fortissimo, um genau zu sein. So klingt es jedenfalls im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung: „Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist ergriffen und hörte hinter mir eine laute Stimme wie eine Posaune.“

Gott im Schweigen? Nicht in der Bibel

Es geht ja um beides im Advent: sich daran zu erinnern, dass damals Gott Mensch wurde – und darauf gefasst zu sein, dass er wiederkommt, dieser Tage, wer weiß. Darum die Ermahnung: Seid wach! Wenn das mehr sein soll als eine adventliche Floskel, die einen weich und wohlig aus gewohnten Bibellesungen und Chorälen umsäuselt, dann sind im Zweifel kräftige Blechblasinstrumente tauglicher als Blockflöten. Ordentliche Kesselpauken gehen natürlich auch.

Denn dass es immer still und leise wäre, wenn Gott ins Spiel kommt, ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Unter dem Suchbegriff „schweigen“ etwa findet man in der Konkordanz, einem Stichwortlexikon zur Bibel, fast nur negative Einträge: Da wird trotz Unrechts geschwiegen, zum Schweigen gebracht, oder sogar Gott der Marsch geblasen, weil er sich vornehm zurückhält, obwohl auf der Erde der Teufel los ist. Keine Silbe über einen Gott, der sich im Schweigen finden ließe.

Warten und Tee trinken?

Beim Begriff „Stille“ ist der Erfolg kaum größer. Man erfährt zwar aus der Vorgeschichte von Weihnachten, dass Josef sich, als er von der Schwangerschaft Marias erfährt, „in aller Stille“ von ihr trennen will. Aber adventliche Stille ist definitiv etwas anderes.
Üblicherweise kracht es gewaltig in der Bibel, wenn Gott von sich hören macht. Meistens als Donner oder Tosen von Wassermassen, häufig begleitet von Posaunen, Trommeln, Pauken und ordentlich Dschingderassabumm.

Es sollte also unmöglich sein, ihn zu überhören. Wo das doch geflissentlich geschieht, liegt es vielleicht an der verqueren Botschaft des adventlichen Gottesgetöses: Bekannte Straßen sollen völlig umgestaltet, vertraute Landschaften auf links gezogen und gewohnte Wege um 180 Grad gewendet werden. Dazu fiele kirchlich, gesellschaftlich, menschlich einiges ein.

Aber man kann es natürlich auch dabei belassen, alljährlich im Advent die Stimme zu erheben gegen den bösen Weihnachtskonsum – es sich dann am Adventskranz gemütlich machen, ganz still werden, aufs Christkind warten und Tee trinken.