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Themenwoche „Start der Wallfahrtszeit“ (8) – vom Niederrhein

Aengenesch: Ein Wallfahrtsdorf im Zeichen der Tradition

  • 250 Einwohner hat Aengenesch, die halten wie Pech und Schwefel zusammen.
  • Helga Janßen ist Nachbarin der Wallfahrtskirche, sie sorgt als Küsterin für Schließdienst, Blumen und Liturgie.
  • Verrückt: Um 1900 wurde die symbolgeladene alte Esche gefällt, um kurzfristig neue Kirchenfenster zu bezahlen.

Im klitzekleinen Dorf Aengenesch bei Geldern steht eine ebenfalls winzige Wallfahrtskirche. Ihr Gnadenbild der Schmerzensmutter Maria, die ihren toten Sohn Jesus hält, ist einfach geschnitzt, wird aber hochverehrt und ist rechts vom Hauptportal in einem kleinen Seitenschiff der Kirche ganztägig zugänglich.

Dass Besucher hier stets eine offene Tür vorfinden, haben sie der resoluten Helga Janßen (61) zu verdanken. Die gelernte Hauswirtschafterin hat die verstorbene Küsterin aus der Nachbarschaft im Amt beerbt. Zehn oder 15 Jahre ist das her, so genau weiß sie es selbst nicht mehr. „Aus Tradition“, sagt sie und: „Mein Glaube hilft mir auch in schweren Zeiten.“ Die Tradition spielt rund um das bald 600 Jahre alte Wallfahrtsgeschehen im Dorf mit seinen rund 250 Einwohnern eine brillante Rolle.

Gemeinsam fürs Dorf

Helga Janßen wohnt direkt neben der Kirche. Jeden Morgen um sieben Uhr vor dem Frühstück schließt sie die Kirche auf und am Abend vor dem Schlafengehen wieder zu. Sie schaut nach dem Rechten und nach dem Blumenschmuck, der zu Ostern weiß-gelb und zu Pfingsten rot sein sollte. Sonntags vor neun bereitet sie die Messe vor, legt Gewänder heraus, entzündet die Kerzen, und bei Bedarf übernimmt sie auch Messdieneraufgaben, obwohl sie damals als Mädchen noch davon ausgeschlossen war.

Einen Küsterkurs hat sie zwar nicht besucht, aber alles, was sie heute braucht, lernte sie beim hauptamtlichen Küster der Pfarrei St. Maria Magdalena in Geldern, zu der die Wallfahrtskirche heute formal gehört. Das alles tut sie, weil es in Aengenesch üblich ist, gemeinsam das Dorfleben in Gang zu halten.

Proben im Wohnzimmer

Der katholische Cäcilien-Männerchor des Dorfes, zu dem heute auch Männer „von auswärts“ kommen – nämlich aus dem rund vier Kilometer entfernten Boeckelt, aus Issum oder Hartefeld, das sind sogar sieben Kilometer Anfahrt –, probte früher in der Kirche, dann im heute geschlossenen Dorfcafé und nun bei Janßens nebenan.

Die Janßens haben zunächst ihr sonntägliches Wohnzimmer für die Proben freigegeben und dann den Partyraum ihrer Kinder zum Gemeinschaftsraum für die Nachbarn ausgebaut, 30 Leute finden dort Platz.

Seelsorgende kommen heute aus Geldern

Wallfahrtskirche Aengenesch
Viel Landschaft – und dann taucht die Wallfahrtskirche Aengenesch „Zur Schmerzensmutter“ zwischen den Feldern auf. | Foto: Cordula Spangenberg

Später hat die St.-Sebastianus- und Antonius-Bruderschaft ein „Haus der Jugend und Vereine“ mit Küche und knapp 100 Sitzplätzen gebaut – überwiegend in Aengenescher Eigenarbeit, das versteht sich von selbst, und auch dies auf dem Grundstück der Janßens.

Hier im Schatten der „Schmerzensmutter“ spielt sich das dörfliche Gemeinschaftsleben unter Dach ab, die Jungschützen treffen sich zu Schießübungen, und Brautpaare und Tauffamilien, die die kleine Kirche gern für ihre Familienfeste nutzen, können anschließend nebenan feiern. Einen eigenen Pfarrrektor gibt es seit 1974 nicht mehr. Kurz drauf hat das Bistum Münster das Pfarrhaus verkauft, das war den Aengeneschern gar nicht recht. Zum Glück wurde die Gemeinde seither von Kapellen und heute von Geldern aus seelsorgerlich mitversorgt.

Gefällter Baum finanzierte Kirchenfenster

Helga Janßens Mann singt im Kirchenchor, ihr Schwiegervater hat früher die Rabatten um die Kirche gejätet, der Schwager 50 Jahre lang die Orgel gespielt. Die Erstkommunionkinder 2021 haben in kompletter Besetzung an der Messdienervorbereitung teilgenommen. Jüngst hat die Dorfgemeinschaft die Kieswege und Randsteine ihres Friedhofs renoviert, da hat sogar ein 90-Jähriger noch mitgemacht. Denn das Friedhofsgrundstück hatte 1921 eine örtliche Familie gratis zur Verfügung gestellt, und Tradition ist Ehrensache.

Bis auf kleine Ausnahmen. Die Esche auf dem Kirchplatz ist vergleichsweise jung, aber immer noch ein Wahrzeichen für jenen Eschenbaum, in dem um das Jahr 1430 ein Madonnenbild gefunden wurde, was in der Folge eine wahre Wallfahrtsflut auslöste und dem Ort „an der Esche“ seinen Namen Aengenesch gab. Da wirkt es etwas skurril, dass übereifrige Bürger um 1900, um ihre Kirche zu verschönern, sogar die damalige alte Esche fällten, um mit dem Erlös des Holzes zwei neue Kirchenfenster zu bezahlen, die aber 50 Jahre später schon wieder ausgetauscht wurden, während Eschenbäume es leicht auf 200 Jahre bringen.

Aengenesch hält zusammen

Man hält weiterhin beharrlich zusammen, auch wenn die Gebietsreform der 1970er Jahre die schmale Straße, die mitten durchs Dorf führt, zur Grenze zwischen den Kommunen Issum und Geldern erklärte, sodass seither zwei verschiedene Müllabfuhren Dienst tun und der Postbote manchmal verzweifeln muss. Wer zuziehen will nach Aengenesch, findet eine Wohnung in einem der vielen umgebauten Stallgebäude, denn Landwirtschaft gibt es kaum noch vor Ort, Baugebiete werden aber dennoch nicht ausgewiesen.

„Wer neu kommt und dazugehören will, muss was tun“, sagt Helga Janßen. Will heißen: Cäcilienchor, Bruderschaft und Katholische Frauengemeinschaft bieten nach wie vor die Gruppendynamik, um das Dorf in Schuss zu halten und seinen Mittelpunkt, die Wallfahrtskirche der Schmerzensmutter, zu pflegen.

Pilger auch aus Essen

Und die Wallfahrer? Früher, also vor Corona, kamen immer wieder Fuß- und Fahrradpilger aus der weiteren Umgebung vorbei. Alljährlich sogar ein Bus aus Essen, dessen Ruhrgebiets-Pilger neben dem Gebet am Gnadenbild sicherlich auch die Beschaulichkeit des idyllischen kleinen Dorfes mitten in seiner weitläufigen Ländlichkeit genießen wollten. Die Wallfahrtssaison 2023 ist eröffnet. Was in Aengenesch und seiner Wallfahrtskirche auf jeden Fall gut geht: Innehalten, durchatmen und das Tempo rausnehmen.

Wallfahrts-Boom rund um Maria: Was war los im 15. Jahrhundert? 
Im Jahr 1430 lösten zwei Bäume am Niederrhein einen regelrechten Wallfahrts-Boom aus: In Aengenesch war es eine Esche, in Marienbaum eine Eiche. Beide Male wurde in der Baumkrone ein Marienbild gefunden, beide Male kam es zu einigen Merkwürdigkeiten: einer Wunderheilung in Marienbaum, einem dreimaligen Verschwinden und Wiederauftauchen des Marienbildes in Aengenesch. Was war los im 15. Jahrhundert? 
Es muss unruhig gewesen sein in diesen Jahren: Naturkatastrophen, Seuchen, Hungersnöte, Kriege. Die Menschen litten, fühlten Angst und Ohnmacht und suchten Halt in der Kirche. Die Kirche machte allerdings damals keine gute Figur. Drei Päpste gleichzeitig stritten sich darum, wer von ihnen das Sagen hatte. Der Ablasshandel blühte: Gebete und vor allem Geldzahlungen für kirchliche Prestige-Projekte sollten beim einfachen Gläubigen das Gefühl schüren, der Jenseitsangst und dem künftigen Fegefeuer entgehen zu können – dem bereitete allerdings 100 Jahre später Martin Luther mit seiner Reformation ein jähes Ende. In dieser Gemengelage halfen die Christen sich selbst mit einer intensiven Volksfrömmigkeit. Man war sehr bereit, an Wunder zu glauben, verehrte die Heiligen und ihre Reliquien, setzte, sofern es die eigenen Mittel ermöglichten, fromme Stiftungen ein, pilgerte zu Gnadenbildern Mariens und hinterließ dort reiche Opfergaben in der Hoffnung auf eigenes Wohlergehen. 
Ein Dorf mit Marienkult zog also zahlendes Publikum an, die Nachbardörfer gingen leer aus. Und dann verschwand mehrfach die Aengenescher „Schmerzensmutter“. Die Legende sagt, der Dieb sei ein Pfarrer aus dem benachbarten Vynen gewesen. Anständig war das nicht, aber wer könnte es ihm verdenken? Die „Schmerzensmutter“ ist jedenfalls über fast 600 Jahre dieselbe geblieben.