Markus Dechêne und der SkF helfen Menschen ohne Krankenversicherung

Ärzte in Recklinghausen behandeln Bedürftige kostenlos

Sie kommen, weil es ihre einzige Chance ist, medizinisch versorgt zu werden und einen ärztlichen Rat zu bekommen: Obdachlose, psychisch Kranke, Menschen, die den Boden unter den Füßen verloren haben, und die „Illegalen“, die ohne Aufenthaltsrecht in Deutschland leben. „Es kommen die, die nicht krankenversichert sind“, sagt Markus Dechêne.

Der Hausarzt und Internist aus Recklinghausen hält jede Woche Sprechstunde im Haus des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) am Neumarkt im Süden von Recklinghausen. Jeden Donnerstag ab 17.30 Uhr ist er für die erkrankten und bedürftigen Menschen da. Dechêne behandelt kostenlos, fragt nicht danach, woher die Menschen kommen, warum es sie ins nördliche Ruhrgebiet verschlagen hat. „Ich helfe den Menschen, so wie ich es kann. Ich verschreibe Medikamente, gebe Rat und komme einfach meinen ärztlichen Pflichten nach“, sagt der Hausarzt.

Für viele die einzige Möglichkeit

Es ist ein niederschwelliges und anonymes Angebot des SkF, das vor fünf Jahren unter dem Titel „Medizinische Hilfe Am Neumarkt“ geschaffen wurde, als Flüchtlinge eine soziale und medizinische Grundversorgung benötigten und einige von ihnen durch alle Raster fielen.

Die wöchentliche allgemeinmedizinische Sprechstunde im SkF-Stadtteilbüro Süd wurde zu einem Begriff. Sie ist heute gerade für die so genannten „Illegalen“ die einzige Möglichkeit, medizinisch versorgt zu werden. Denn trotz eines flächendeckenden Gesundheitssystems finden nicht alle Menschen den Weg in eine Arztpraxis. Manche psychisch kranke Menschen und Drogenabhängige schaffen es nicht zum Arzt, weil sie ihre Tagesstruktur verloren haben. Einige Obdachlose meiden die Hausarztpraxis aus Scham. Menschen ohne Krankenversicherung fürchten oft hohe Behandlungskosten, die sie nicht zahlen können.

Ehrung durch die Stadt Recklinghausen

SkF-Stadtteilbüro am Neumarkt in Recklinghausen-Süd.
SkF-Stadtteilbüro am Neumarkt in Recklinghausen-Süd. | Foto: Johannes Bernard

Die Patienten kommen durch Mund-zu-Mund-Propaganda oder über Kontakte zu Markus Dechêne oder zu Dirk Weinrich, dem Kinderarzt, der regelmäßig Sprechstunden in den Flüchtlingsunterkünften anbietet. Beide Ärzte erhielten letztes Jahr die Samariter-Nadel, eine Auszeichnung der Stadt Recklinghausen, mit der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern für ihre Arbeit in der Stadt und für die Gemeinschaft gedankt wird.

Die Ärzte, so hieß es in der Würdigung, setzten sich mit hoher Kontinuität und viel Einsatz dafür ein, dass die Patienten menschenwürdig, unbürokratisch und mit viel Empathie versorgt würden: „Die Ärzte tragen dazu bei, das Wohlbefinden und die allgemeine Lebensqualität vieler Menschen nachhaltig zu verbessern oder zu erhalten.“

Mit Händen und Füßen

Bis zu zehn Hilfesuchende kommen zu einer Sprechstunde. Im SkF-Haus gibt es ein großes Wartezimmer und zwei Behandlungsräume mit einem Sonografie- und einem EKG-Gerät. Bei den Geräten handelt es sich um Spenden aus Arztpraxen. „Es sind ältere Modelle, aber sie erfüllen ihren Zweck“, sagt Dechêne.

Die Verständigung mit den ausländischen Patienten erfolgt über Handzeichen. Viele von ihnen stammen aus Südosteuropa, Afrika, den Nahen und Mittleren Osten. Rezepte erhalten sie mit einem Begleitschreiben für den Apotheker.

Der SkF zahlt auch weitere Untersuchungen

Die Medikamente sind für die Patienten gratis. Die Kosten für Arzneimittel und Hilfsmittel trägt der SkF-Ortsverein aus Eigenmitteln und Spenden. Eine staatliche Unterstützung gibt es nicht. Der SkF zahlt bei Bedarf auch weitere Untersuchungen bei anderen Ärztinnen und Ärzten und gewährt einen Zuschuss zum Beispiel für eine Brille. „Falls Behandlungen im Krankenhaus notwendig sind, gibt es eine unbürokratische Zusammenarbeit mit dem Elisabeth-Krankenhaus“, sagte Dechêne.

Der Hausarzt macht sein Ehrenamt gern. Er sei Katholik und tue das, was er kann, sagt der gebürtige Sauerländer. „In dieser Tätigkeit kann ich meinen Horizont erweitern, andere Kulturen kennen lernen und Erfahrungen sammeln, wie sie sonst kaum möglich sind.“

Er spüre den stärker werdenden Gegensatz von Arm und Reich hierzulande. „Die Klassengegensätze sind zu spüren.“ Mit seinem Engagement bemühe er sich zu helfen. Die große Politik und eine Bewertung der Flüchtlingsfrage liege ihm fern, sagt der Mediziner. Aber eines sehe er deutlich: „Wenn Menschen hier leben, dann muss man sie auch menschenwürdig behandeln.“