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Mathias Bethke, Leiter des Katholischen Büros in Magdeburg, zum Ausgang der Wahl, zur Zukunft eines gespaltenen Landes und der Kirche dort.
Herr Bethke, wie blicken Sie auf das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt? Die AfD hat die absolute Mehrheit der Sitze zwar knapp verfehlt. Aber die Partei, deren Landesverband der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem bewertet, hat ihr Ergebnis mehr als verdoppelt und den besten Wert bei einer Landtagswahl überhaupt erreicht.
Die ersten Prognosen und die Hochrechnungen gestern hatten mich schon beinahe in Schockstarre versetzt. Am Morgen danach schwanke ich immer noch zwischen einer tiefen Fassungs- und Sprachlosigkeit auf der einen Seite und einem großen kommunikativen Bedürfnis, dieses Ergebnis gemeinsam im Gespräch mit Freunden, Kollegen und der Familie verstehen und ergründen zu wollen.
Welches Signal geht von dieser Landtagswahl hinaus in die Welt?
Sachsen-Anhalt hat seinen Bindestrich verloren, das Land ist gespalten!
Das Land steht – rein politisch betrachtet – vor einem Patt: Die AfD könnte mithilfe des BSW eine Mehrheit bilden. Eine Mehrheit wäre auch möglich, wenn sich alle Parteien, die den Sprung in den Landtag geschafft haben, zusammenschließen: CDU, SPD, Linke, Grüne und BSW kämen zusammen auf eine knappe Mehrheit von 44 Sitzen. Dafür müssen sich aber alle Fraktionen zusammenraufen. Welches Szenario halten Sie für wahrscheinlich? Was muss geschehen, damit das gelingt?
Im Gespräch
Mathias Bethke ist seit Juli 2025 Leiter des Katholischen Büros Magdeburg, der Verbindungsstelle zwischen der Kirche und den Institutionen der Landespolitik. Zuvor war er als „Kirchenreferent“ im Bildungsministerium von Sachsen-Anhalt für die Staat-Kirchen-Beziehungen zuständig. Das Katholische Büro arbeitet im Auftrag der Bistümer Magdeburg und Berlin. Ein kleiner Teil von Sachsen-Anhalt gehört zum Erzbistum Berlin. | jjo, pd
Wie es politisch in Sachsen-Anhalt weitergeht, was wir wann für eine Landesregierung kriegen könnten, das werden wohl erst die nächsten Tage zeigen. Ganz grundsätzlich haben wir in Sachsen-Anhalt ausreichend Erfahrungen mit kuriosen parlamentarischen Mehrheitsverhältnissen und Koalitionen. Ich erinnere an das „Magdeburger Modell“ einer PDS-tolerierten Minderheitsregierung unter dem SPD-Ministerpräsidenten Reinhard Höppner von 1994 bis 2002 oder an die Kenia-Koalition aus CDU, SPD und Grünen von 2016 bis 2021. Gerade Kenia könnte die Tage wieder inspirierend sein, lautet der Wahlspruch dieses Landes doch „Harambee“, Kiswahili für „Lasst uns zusammenarbeiten“!
Schwierig dürfte dabei eine Kooperation von CDU und Linkspartei werden, weil ein Unvereinbarkeitsbeschluss in der CDU gilt. Sie kennen die Landespolitiker beider Fraktionen. Wie bewerten Sie die Chancen für eine Einigung?
Ich traue vielen erfahrenen Akteuren beider Parteien durchaus zu, ein produktives Verständnis für- und miteinander zu entwickeln, einander zu ergänzen zum Wohle des Landes. Allerdings weiß ich auch um tiefsitzende Vorbehalte, in beiden Parteien. Auch hier müssen wir also abwarten, was die nächsten Tage, vielleicht auch erst Wochen passiert.
Die demokratischen Parteien werden versuchen, die mit Abstand stärkste Fraktion bei der Regierungsbildung zu umgehen. Erwarten Sie darum Unruhe im Land? Wie gespalten ist es?
Dieses Wahlergebnis taugt leider nicht für Win-Win-Situationen, sondern nur für das Gegenteil. Insofern bete ich für die verantwortlichen Politiker, auf dass sie kluge Entscheidungen treffen mögen – und bin, ehrlich gesagt, zugleich echt froh, nicht in deren Haut stecken zu müssen.
Wie lässt sich die Lage in Sachsen-Anhalt beruhigen? Wie kann die Kirche dabei mitwirken?
Laut Nachwahlbefragungen hat die Politik auf Bundesebene keinen kleinen Anteil am Wahlergebnis. Also liegen die Ursachen nicht nur in unserem Bundesland. Als katholische Ortskirche wollen und werden wir uns auch weiterhin als schöpferische Minderheit für „alle Menschen guten Willens“ verstehen, in ökumenischem Geist und in Kooperation mit anderen. Wir werden weiterhin die Botschaft von der befreienden Liebe Gottes verkünden, auf dass diese „Geborgenheit im Letzten“ in diesen aufgeregten Zeiten hoffentlich zu mehr „Gelassenheit im Vorletzten“ führen möge, wie Romano Guardini es einmal ausgedrückt hat.
Was braucht es, um den Stimmenanteil der AfD wieder zu reduzieren?
Wenn ich das wüsste! Auf der einen Seite gewiss eine Politik, die als besser wahrgenommen wird beziehungsweise weniger Erregungspotenzial hervorruft, auf der anderen Seite aber auch ganz klar weniger Erregungsbereitschaft, weniger Schwarz-Weiß- beziehungsweise Freund-Feind-Denken, mehr Offenheit für die Grautöne des Lebens, also eine weniger binäre Weltsicht – wir gegen die, oben gegen unten, für oder gegen uns, Ost gegen West und so fort. Darüber hinaus ein weniger outputorientiertes, mithin rein konsumistisches Demokratieverständnis, das zudem den Mehrheitswillen absolut setzt, wofür ich kürzlich das Wort „Vulgärdemokratismus“ las.
Was müssen die demokratischen Parteien in anderen Bundesländern und im Bund vom Ergebnis in Sachsen-Anhalt lernen?
Dass liberale, plurale und rechtsstaatliche Demokraten nicht nur den Kopf, sondern auch den Bauch ansprechen müssen. Also in Abwandlung der legendären Wahlkampfempfehlung an Bill Clinton von 1992: „It's the emotional communication, stupid!“ Darüber hinaus: In der Theologie gibt es meines Wissens die Denkfigur des „etsi deus non daretur“, also gedanklich so zu tun, „als ob es Gott nicht gäbe“. Vielleicht kann und sollte man sich mehr davon inspirieren lassen und dementsprechend programmatisch proaktiv in Erscheinung treten – „etsi AfD non daretur“. Das heißt, sich nicht nur in Abhängigkeit beziehungsweise im Verhältnis zur AfD wahrnehmen zu lassen, sondern eigene programmatische Akzente zu setzen.
Vor der Wahl haben Sie zu Kirche+Leben gesagt, für „Gespräche mit Repräsentanten der in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestuften Partei“ stünden Sie nicht zur Verfügung. Wie ist Ihr Verhältnis zu den anderen künftigen Fraktionen im Landtag?
Mit den Abgeordneten, die ich bereits kenne, arbeite ich gut zusammen und so hoffe ich, dass ich auch die neuen Abgeordneten schnell kennenlernen werde, um mit ihnen nicht minder vertrauensvoll und verlässlich zusammenzuarbeiten.
Was erwarten Sie: Wie wird sich Ihre Arbeit und die Interessenvertretung der katholischen Kirche in der neuen Legislaturperiode des Landtags verändern?
Die AfD als stärkste parlamentarische Kraft und die gesellschaftliche Polarisierung werden auch in den nächsten Jahren eine Herausforderung für unsere katholische Ortskirche sein und bleiben.