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Gast-Kommentar des ehemaligen Militärseelsorgers Andreas Ullrich

Afghanistan – waren all die Opfer umsonst?

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Afghanistan wird wieder von den Taliban beherrscht. Der ehemalige Militärseelsorger Andreas Ullrich stellt in seinem Gast-Kommentar die Sinn-Frage in Bezug auf den Einsatz der Bundeswehr in dem Land.

Afghanistan, das war für mich – wie für viele unserer Landsleute – immer ganz weit weg. Irgendwo am Ende der Welt, am Hindukusch, an der Grenze zu China, Pakistan und Indien. Im Jahr 2005 saß ich dann plötzlich selbst im Flugzeug, um die inzwischen dort stationierten deutschen Soldaten zu begleiten – als Militärseelsorger.

Dieses weitentfernte und unbekannte Land wurde für mich binnen weniger Flugstunden Lebensrealität, und es brauchte ein paar Tage, um das zu begreifen und zu verstehen, was dort passiert, wie die Menschen dort „ticken“, was sie bewegt und umtreibt. Seither waren tausende deutscher Soldatinnen und Soldaten dorthin abkommandiert, haben ihre je eigenen Erfahrungen mit diesem Land und seinen Menschen gemacht, und so manche Einsatzkräfte lassen diese Erfahrungen nicht mehr los – sie haben sich tief in die „Festplatte“ ihrer Seele eingebrannt.

Taliban stehen für Terror und Entrechtung der Frauen

Der Autor
Pfarrer Andreas Ullrich, Jahrgang 1965, stammt aus Münster und leitet seit 2015 die Pfarrei Hl. Brüder Ewaldi in Laer. Ab 2002 war er Militärseelsorger an den Standorten Rheine, Jever, Aurich und Wittmund, verbunden mit Reisen nach Afghanistan und in den Kosovo. Von 2007 bis 2015 leitete er das Katholische Militärpfarramt Münster und war zuständig für deutsche Soldaten der Bundeswehr und des Deutsch-Niederländischen Korps in Münster und Warendorf sowie in Eibergen und Enschede in Holland.

Schlimme, unvorstellbare Erlebnisse und Bilder: die Vorstellung, eventuell einen Menschen getötet zu haben, die Hilflosigkeit angesichts des unsäglichen Leids der einheimischen Bevölkerung, das man – trotz allen guten Willens - nicht verhindern konnte. Fast 60 Soldaten sind nicht lebend von dort nach Hause zurückgekehrt – Söhne, Väter, Ehemänner, Partner.

Erst vor ein paar Monaten sind die letzten deutschen Soldatinnen und Soldaten aus diesem Land abgezogen worden, und nun erobern sich – quasi im Handstreich – die ihre Macht zurück, die bereits vor dem Einmarsch der internationalen Schutztruppen dort das Sagen hatten: die Taliban. Ein Name, der für Terror, Unterdrückung, Folter und Tod steht, für die Entrechtung der Frauen, für unsägliches Leid – für all das, was den Werten unserer westlichen Welt diametral entgegen steht.

War es das wert?

Es ist zu befürchten, dass in wenigen Tagen alles bisher Erreichte unwiederbringlich verloren scheint, und es stellt sich die Frage: Wofür das alles? War es das wert, dass so viele unserer Soldaten dort ihr Leben verloren haben? Wozu die durch Verwundung und Traumatisierung zerstörten Lebenspläne junger Menschen?

Wozu die monatelange Trennung von Soldatenfamilien, die dadurch sehr oft an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht wurden? Was ist mit den vielen Einheimischen, die die Angehörigen der Bundeswehr vor Ort unterstützt haben, und die nun um ihr Leben fürchten müssen? Was ist mit denen, die sich im Kampf um die Menschenrechte auf die Unterstützung westlicher Regierungen verlassen haben? War all der Einsatz, waren all die Opfer umsonst?

Abwesenheit von Krieg bringt keinen Frieden

Afghanistan – dieses Land ist für mich seit 2005 ein Teil meiner eigenen Lebensgeschichte. Es geht mir unter die Haut, wenn ich in diesen Tagen davon höre und lese, dass all die Anstrengungen um Frieden in dieser Region umsonst zu sein scheinen. Es stellt sich mir die Frage, ob Frieden und Gerechtigkeit für die Menschen dort für immer ein Traum bleiben müssen.

Die Geschichte dieses Landes ist geprägt von immer neuen Militärinterventionen, und sie zeigt, dass es nicht reicht, in ein Land einzumarschieren – man muss auch wissen, wie man wieder rauskommt. Es braucht von vorneherein eine klare Exit-Strategie, sonst ist die Situation am Ende verfahrener als vorher. Es wird immer neues Leid mit immer neuen Verletzungen erzeugt! Es braucht die Erkenntnis, dass Frieden mehr ist als die Abwesenheit von Krieg, und dass Gerechtigkeit ein wesentliches Element dieses Friedens ist.

Die Positionen der Gast-Kommentare spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von "Kirche-und-Leben.de" wider.

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