„Oma ist jetzt im schönen Licht, nah bei Gott“

Albert Biesinger sagt, wie man mit Kindern über den Tod sprechen kann

Wie können Eltern mit ihren Kindern über Sterben und Tod sprechen? Wie trauern Kinder? Und wie können sie gut Abschied von einem lieben Menschen nehmen? Anregungen dazu gibt der emeritierte Professor für Religionspädagogik, Albert Biesinger, im Interview.

Ist es sinnvoll, Kinder mit Sterben und Tod zu verschonen?

Albert Biesinger: Das geht nicht, es gehört nun mal zum Leben, auch zum kindlichen. Früher oder später werden sie damit konfrontiert – in der Tagesschau, in Filmen, im Freundeskreis, in der Familie. Es ist sinnlos, Kinder vor den Grenzen des Lebens schützen zu wollen. Damit tut man ihnen nichts Gutes.

Wieso ist die Beschäftigung damit denn förderlich?

Für mich bedeutet dies Lebens-Kompetenz. Schon Kinder erleben Gefühle von Verlust und Traurigkeit. Und sei es nur bei kleinen Abschieden – wie bei einem Umzug oder einem Schulwechsel. Es ist wichtig, über solche Erfahrungen von Leid und Verlassenheit zu sprechen. Kinder brauchen die Chance, belastende Emotionen auszudrücken, um sie zu überwinden. Das können wir nicht ausgrenzen und so tun, als ob es dies im kindlichen Leben nicht gibt.

Wie können Eltern das Thema Kindern nahebringen?

Ein Gang über den Friedhof ist eine gute Gelegenheit, Anstöße zu geben und Fragen der Kinder zu beantworten. Es ist ein Ort, der zum Nachdenken anregt: etwa beim Betrachten der Grabsteine, der Inschriften oder Symbole. Hier ergibt sich zuweilen ein kleiner philosophischer Dialog über Leben, Tod und Auferstehung. So lässt sich auch leicht vermitteln, dass wir mit den Menschen, die bereits gestorben sind, weiter verbunden sind – über den Tod hinaus. Ähnlich sinnstiftend ist das bei Kindern beliebte Ritual, an einer Kirche zu stoppen und für einen Verstorbenen eine Kerze anzuzünden.

Wie lassen sich Unsicherheiten überwinden?

Albert BiesingerAlbert Biesinger war bis 2014 Professor für Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen. | Foto: Heike Sieg-Hövelmann

Erwachsene sollten sich bewusst machen: Kinder kennen keine Tabus und fragen ganz unbefangen. Doch dahinter steckt oft mehr. Sie beschäftigt das, sie machen sich Gedanken und Sorgen. Daher darf man sie nicht abwimmeln und aus eigener Unsicherheit sagen: „Das ist jetzt nicht wichtig, darüber sprechen wir, wenn du älter bist.“ Grundsätzlich gilt: Sobald Kinder mit Fragen des Lebens und Sterbens kommen, sollten Eltern sensibel und offen reagieren. Dabei müssen sie nicht mit Mini-Vorträgen auf sie einreden. Es ist sogar ratsam, rückzufragen: „Hast du eine Idee, wie das ist?“ Dadurch erfährt das Kind: „Ich werde ernst genommen.“ Im Nachdenken und Austausch können Hoffnungsbilder entstehen. Denn Kinder suchen nicht nur Antworten, sondern brauchen auch eine Perspektive.

Mit Perspektive meinen Sie das Ewige Leben?

Auch wenn niemand weiß, was nach dem Tod konkret kommt, hilft es Kindern, vom christlichen Horizont des Lebens nach dem Tod zu hören. Wir sprechen hier von einem Überschuss an Sinn. Erfahren sie, dass der verstorbene Opa bei Gott im Himmel ist, tröstet das ungemein. Sie fühlen sich sicherer und können darauf vertrauen, dass auch für sie alles gut wird. Menschen, die daran glauben können, haben gewonnen.

Wie sollten sich Eltern verhalten, wenn jemand in der Familie stirbt?

Kinder sollten Kummer und Trauer mit den Angehörigen teilen dürfen. Sie abzuschotten, ist fatal. Kinder spüren, wenn etwas nicht stimmt und ihre Eltern etwas vor ihnen verheimlichen. Zudem verstehen sie viel mehr, als Erwachsene vielleicht denken. Wichtig: Ehrlich sein und nichts verniedlichen! Um­schreibungen wie „Die Oma ist eingeschlafen“ oder „von uns gegangen“ können große Verwirrung auslösen. Am besten sind hier klare Begrifflichkeiten, wie „... ist gestorben“ oder „... ist tot“.

Bedeutet dieser Anspruch auf  Ehrlichkeit ebenso, Kinder mit zu sterbenskranken Angehörigen zu nehmen?

Kinder sollten mit nahen Angehörigen, die sterben, in ganz normalem Kontakt bleiben. Sie sorgen dann schon für sich und reagieren selbstständig, wenn es ihnen zu viel wird. Teilhabe trägt dazu bei, das Sterben zu enttabuisieren. Die ersten Trauererfahrungen legen den Grundstein dafür, wie jemand in Zukunft mit einem Verlust umgeht. Das weiß ich aus eigener Sicht. Denn ich durfte als Zehnjähriger in der Nacht, in der meine Großmutter starb, an ihrem Sterbebett mit ihr und für sie beten. Das hat mir die Scheu vor diesen Situationen genommen.

Sollen Kinder mit zur Beerdigung gehen?

 „Warum müssen wir sterben?“Buch-Tipp
Der Elternratgeber „Warum müssen wir sterben?“ (128 Seiten),  von Albert Biesinger, Edeltraud und Ralf Gaus will praxisnah helfen, Antworten aus christlicher Perspektive zu geben. Verlag Herder, 9,99 Euro.

Wenn sie das wünschen, dürfen Erwachsene ihnen diese Form des Abschiednehmens nicht nehmen. Kinder lernen dadurch: Das Trauern gehört dazu, wenn jemand stirbt. Und es ist überhaupt nicht dramatisch, wenn wir am offenen Grab weinen. Natürlich ist es sinnvoll, sie vorzubereiten, wie die Beerdigung ablaufen wird. Kleinere Kinder können ein Bild malen, das mit ins Grab gelegt wird, Jugendliche in die Planung der Feier einbezogen werden. Während der Zeremonie sollten Klein- und Grundschulkinder eine Begleitung haben. Möglichst eine neutrale Person, die nicht so stark betroffen ist und reagiert, wenn das Kind nicht mehr mag und weg will.

Können Kinder verkraften, wenn der Sarg mit einem geliebten Menschen hinuntergelassen wird ins Grab?

Als Diakon auf Beerdigungen nehme ich die Kinder bewusst noch mit ans offene Grab und erkläre ihnen: In dem Sarg liegt nur der tote Körper, der hat nicht mehr funktioniert. Deswegen legen wir ihn in die Erde zurück, damit er wieder zu Erde wird. Aber die Oma ist schon ganz woanders, im schönen Licht nah bei Gott. Es beruhigt Kinder, wenn sie wissen, dass nicht der geliebte Mensch, sondern nur sein toter Körper beerdigt wird.

Trauern Kinder anders als Erwachsene?

Für Kinder ist der Wechsel von Trauer und Freude ganz nah beieinander. Auch wenn sie mal bitterlich weinen, können sie fünf Minuten später wieder lachen, spielen, toben. Bei ihnen haben verschiedene Gefühle nebenein­ander Platz. Sie springen in die Trauer hinein und dann wieder heraus. Sowohl für Kinder als auch Erwachsene gilt: Trauern braucht seine Zeit und ist individuell. Um mit dem Schmerz fertigzuwerden und sich dem eigenen Leben wieder voll zuwenden zu können, benötigt ein Kind viel Aufmerksamkeit und Zuwendung.