Münchner Sicherheitskonferenz: Zwei Ex-Außenminister, ein Kardinal und die Weltlage

Albright, Fischer und Marx: Atomwaffen verbannen!

„Die Welt ist ein Chaos“: So sieht Madeleine Albright die Lage. Das Wort „Mess“, das sie benutzt, ließe sich noch drastischer mit „Saustall“ oder „Schlamassel“ übersetzen. Vielleicht wäre das passender, galt doch die einstige US-Außenministerin unter Bill Clinton stets als Freundin klarer Worte. Am Donnerstagabend sitzt die 82-Jährige in der Katholischen Akademie München. Mit ihr haben sich ihr einstiger deutscher Amtskollege Joschka Fischer (71) eingefunden und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx.

Ein Coup ist der Akademie da zusammen mit der Hochschule für Philosophie der Jesuiten und der Deutschen Kommission Justitia et Pax gelungen. Deklariert als offizielles Side-Event zur Münchner Sicherheitskonferenz, diskutieren diese drei Prominenten darüber, ob der einstige Plan, nukleare Waffen weltweit zu verbannen, immer noch ein Auftrag sei – oder längst Illusion. Denn irgendwie muss die Politik nach dem Ende des Kalten Kriegs, als Ronald Reagan und Michail Gorbatschow für ihre Länder den Abbau beschlossen, von diesem Weg abgekommen sein.

Joschka Fischer: Wettrüsten aus Prestige

Nicht nur die Großmächte haben zu einem neuen Wettrüsten mit angeblich zielsicher händelbaren Atomwaffen angesetzt. Auch kleinere Länder glauben, nachrüsten zu müssen, um, wie etwa Nordkorea oder der Iran, ihre Existenz zu sichern. Das Beispiel der Ukraine hat schließlich gezeigt, dass leicht von Russland überrollt werden kann, wer kein entsprechendes Potenzial zur Abschreckung vorweisen kann. Die Politik im Westen habe die Priorität solcher Verhandlungen nicht mehr im Blick gehabt und das Thema den Experten überlassen, kritisiert Fischer. Die aber interessierten sich nur für die moderne Technik der Waffen.

Weltmacht zu sein, werde zunehmend darauf reduziert, viele intelligente und gefährliche Nuklearwaffen zu kontrollieren, moniert Fischer und warnt: „Es besteht die Gefahr einer Rüstungsspirale, getrieben vom Prestige.“

Sicherheitsproblem für Europa

Wenn auch noch im Nahen Osten entsprechend aufgerüstet werde, habe Europa ein Sicherheitsproblem. US-Präsident Donald Trump, der russische Präsident Wladimir Putin, der Nahe Osten - da könne er „den europäischen Außenministern nur noch alles Gute und viel Erfolg wünschen“. Fischer und Albright mahnen deshalb die Diplomaten, bald das Gespräch über Abrüstung zu erneuern. Das Ziel müsse der Bann sein.

Kein leichtes Unterfangen, vor allem in Zeiten, in denen  Regierungen für ihre Länder die Losung „wir zuerst“ reklamieren, betont Marx. Er plädiert dafür, das Verbindende zu suchen.

Kardinal Marx: Was die Kirchen beitragen können

Dazu könnten die Kirchen beitragen. So habe Papst Franziskus in Hiroshima klare Worte gegen Atomwaffen gefunden. Zugleich versuche er, die Vertreter verschiedener Religionen dafür zu gewinnen, sich für Frieden einzusetzen. Doch viele Rechtsextreme hätten dem Papst verübelt, dass er sich etwa in Abu Dhabi mit Muslimen getroffen habe.

„Was wir brauchen, ist eine Partnerschaft“, sagt Albright – auch wenn Multilateralismus in den USA eher abgelehnt werde. Und trotz eines umstrittenen US-Präsidenten brauche Deutschland das transatlantische Bündnis als Garantie für Sicherheit und Frieden, betont Fischer. Es gehe darum, die individuelle Freiheit und den Rechtsstaat zu bewahren. Europa sei angehalten, sicherheitspolitisch mehr auf eigenen Füßen zu stehen. „Das wird nicht bequem“, prophezeit der Grünen-Politiker. Die Bevölkerung müsse sich damit auseinandersetzen, nicht nur die Politik.

Gott und der 11. September

Die Kirche könne zumindest die Hoffnung beisteuern, meint Marx. Und Hoffnung sei das Kernelement, damit nicht von vorneherein schon alles als sinnlos angesehen werde.

Da wartet Albright noch mit einer Anekdote des jüdischen Schriftstellers Elie Wiesel auf: Der wollte nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wissen, wer die unglücklichste Person sei. Seine Antwort war: Gott. Denn die Dinge hätten sich nicht so entwickelt, wie Gott es sich erwartet habe.