Zum 9. Dezember erscheint die neue Einheitsübersetzung

„Alte Bibeln darf man wegwerfen“

Leben und Tod liegen oft dichter nebeneinander, als man denkt: Unter der St.-Antonius-Basilika Rheine, in der großen Krypta, wird in diesen Tagen wieder die weitläufige Krippenlandschaft zu sehen sein. Neues Leben zieht dann mit Jesu Geburt in einen einfachen Stall ein. In einem Nebenraum dagegen hängen an einer unverputzten Wand über hunderte Kreuze, mal mit dem leidenden Christus, mal mit Jesus, dem Sieger.

Friedel Theismann, langjähriger Küster an der Basilika, hat sie gesammelt: „Es gibt Dinge im Leben, das sind Konsumgüter, und es gibt Dinge im Leben, die haben einen ideellen Wert“, nennt er als Grund für sein Museum der etwas anderen Art. Denn wenn irgendwo ein Haushalt aufgelöst wird, dann kommen die Menschen zu ihm und bringen ihm alte Dinge, die ihnen einst lieb und teuer waren.

„Kreuze pietätvoll aufbewahren“

Theismann ist in Rheine nicht nur bekannt für seine Krippenführungen, sondern auch für seine Sammelleidenschaft religiöser Bücher. Auch Kreuze werden seit Jahren bei ihm abgegeben, oder, ordentlich verpackt, vor der Sakristei abgelegt: „Den Menschen ist es wichtig, dass die Kreuze ihrer Eltern oder Großeltern pietätvoll aufbewahrt werden. Da hängen ja auch viele Erinnerungen dran“, berichtet der langjährige Sakristan, der jetzt im Ruhestand immer noch Führungen in der St.-Antonius-Basilika anbietet.

Mittlerweile tauchen so viele Devotionalien bei dem 70-Jährigen auf, dass er sie erstmals im Kreuzkeller räumlich dekoriert hat: „Jedes Stück hat hier seinen Platz und seine Geschichte.“ Bei ihm kommt nichts weg, aber das gehe auch nicht immer ohne Tränen ab: „Die Menschen sind dankbar, dass die Kreuze ihrer Vorfahren hier sorgfältig verwahrt werden.“ Manchmal komme es auch vor, „dass die Leute ihr Kreuz gern zurückhaben möchten, um es auf dem Sarg ihres Angehörigen anbringen zu lassen“.

Pragmatischer Umgang

Der ehemalige Pastoralreferent erinnert sich, dass gesegnete fromme Gegenstände
früher bei bedeutenden Lebensabschnitten eine große Rolle gespielt haben: „Wenn ein Haus gebaut wurde, wurden Heiligenfiguren in die Grundmauern eingesetzt, oder Kreuze vergraben. Geweihte Gegenstände wurden nicht entsorgt.“

Heute hängen sie im Kreuzkeller, den Theismann bei Führungen auch Schulklassen zeigt: „Da sind sie erst einmal still. Aber wir kommen häufig ins Gespräch über die heutige Wegwerf-Kultur.“ Pater Daniel Hörnemann, Subprior der Benediktinerabtei Kloster Gerleve in Coesfeld, sieht den Umgang mit verbrauchten Devotionalien pragmatisch: „Ich bekam einmal ein altes Holzkreuz, leider schon völlig wurm­stichig. Den Korpus habe ich zerstört und weggeworfen, damit kein Unfug damit passiert.“

Zerlesene Schulbibeln – alte Gotteslob-Bücher

Der Leiter der Klosterbibliothek kennt sich bestens aus mit altem Heiligtum, denn einmal im Jahr werden Berge von Trödel bei den Benediktinern abgeladen: „Wenn unser großer
Bücherflohmarkt ansteht, spenden die Leute viele Dinge. Leider auch jede Menge Müll.“ Drei große Container Altpapier seien in diesem Jahr zusammen gekommen, hauptsächlich religiöse Literatur aus den 1950er- bis 1970er-Jahren, die keine Abnehmer mehr fanden.

„Alte Schulbibeln sind oft sehr zerlesen. Ein altes Gotteslob braucht niemand mehr. Solche Bücher werfe ich weg.“ Was noch gebraucht werden kann, etwa Kreuze, Gemälde, Kelche oder Kerzenhalter, findet Abnehmer bei Hilfsorganisationen, die damit Kirchenräume in Osteuropa einrichten.

Andere Länder – entspannter Umgang

In anderen Ländern werde der Umgang mit Devotionalien entspannt gesehen, erinnert sich Hörnemann: „Auf jedem Flohmarkt in Rom kann man sich bequem für zwei Gottesdienste ausstatten“, so viel komme da zusammen. Von der einstigen Würde sei allerdings nichts mehr zu spüren.

Kirchenrechtlich geregelt sei nur der Umgang mit geweihten Hostien, sagt  Thomas Söding, Diözesanleiter des Bibelwerkes Münster. Sie würden im Tabernakel aufbewahrt oder bei der Krankenkommunion gereicht.

Söding: Man darf Bibeln wegwerfen – aber sollte man?

„Alte Bibeln darf man wegwerfen. Ob man es tun sollte, ist eine andere Frage“, sagt der Professor für das Neue Testament an der Ruhr-Universität Bochum. Oft sei eine Familienbibel ein Dokument der eigenen Geschichte. „Ich denke, der Umgang mit diesem Buch ist keine Frage des Rechts, sondern der Kultur.“

Das Verhältnis im Christentum sei entkrampfter, als etwa im Islam. Dort sei es unvorstellbar, den Koran wegzuwerfen. Er plädiert dafür, die Auseinandersetzung zwischen neuen und alten Bibeln zum Anlass zu nehmen, das Werk wieder in die Hand zu nehmen und zu lesen: „Für uns Christen steht das lebendige Wort Gottes im Mittelpunkt. Das lässt sich nicht zwischen zwei Buchdeckel pressen.“

Eine neue Chance sieht der Neustestamentler vor allem für die Ausgabe auf Smartphones: „Unsere Studenten lesen dann auch schon mal unterwegs.“ Die Bibel sei immer auf dem modernsten Medium erschienen, das gerade zur Verfügung stand. „Früher war das Papyrus, dann kam der Buchdruck und jetzt eben als App. Ihre schnelle Verbreitung hat die Bibel zum Bestseller gemacht – bis heute.