Münsteranern wie Ministern ist der Schrecken ins Gesicht geschrieben

Am Tag nach der Amokfahrt rückt Münster zusammen

Münster trauert. Am Tag nach der Amokfahrt mit drei Toten in der City liegt trotz Sonnenscheins eine bleierne Schwere auf der Stadt. Die Straßencafés sind weitgehend leer. Nirgends ist einer der ansonsten allgegenwärtigen Straßenmusiker zu hören. Die Menschen sprechen mit leiser Stimme, wenn sie sich dem Tatort nähern.

Hier sind immer noch rund 100 Polizisten im Einsatz. Sie sollen für Ordnung sorgen. Auch Dutzende von Presseleuten vieler europäischer Nationen haben Aufstellung bezogen. Vorsichtig bahnen sich immer wieder Bürger den Weg zum Kiepenkerl, jenem Platz in der beschaulichen Altstadt mit zwei Cafe-Restaurants, wo am Samstag das Unglück passierte. Viele Eltern mit halbwüchsigen Kindern sind darunter. Sie legen Blumen am Kiepenkerl ab und zünden Kerzen an. Viele verharren in einigen Metern Abstand für ein paar Minuten in stillem Gedenken an die Opfer.

„Schwärzester Tag seit dem Krieg“

„Die Kinder wollten her und Blumen bringen“, sagt eine Mutter. Sie findet das richtig. Nächstenliebe könne man auch zeigen, findet sie. Ein aus Italien stammender Senior spricht vom „schwärzesten Tag in der Nachkriegsgeschichte Münsters“. Er lebe seit 40 Jahren in dieser so friedlichen Stadt. „Blut habe ich hier noch nicht gesehen. Es ist schrecklich, wie soll das alles werden“, sagt er mit Tränen in den Augen.

Besuch in Münster am Tag nach dem Amoklauf (von links): NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU), Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). | Foto: Michael Bönte

Am Mittag dann kommen Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und sein Innenminister Herbert Reul (beide CDU) an den Ort der Todesfahrt eines Campingbusses. Auch ihnen ist der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Zusammen mit Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU) legen auch sie Blumen nieder und verharren still. Ein wenig abseits dann sagt Seehofer den Journalisten, er bete inständig für die Toten und die Verletzten.

Es werde alles Menschenmögliche getan, um die Tat aufzuklären, versprechen die Politiker. Die Ermittler arbeiteten mit Hochdruck. Allerdings könne es nie vollkommene Sicherheit in Deutschland geben.

Ermittler: Mutmaßlicher Täter war deutscher Münsteraner

Derweil erklären Polizei und Staatsanwaltschaft, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht um einen politisch oder religiös motivierten Anschlag gehandelt habe. Der 48 Jahre alte mutmaßliche Täter sei ein Deutscher mit Wohnsitz in Münster und bereits mehrfach wegen kleinerer Vorfälle aufgefallen.

Im Rathaus liegt seit Sonntag ein Kondolenzbuch aus. Seehofer, Laschet, Reul und Lewe trugen sich nach dem Besuch am Tatort dort ein. Schon jetzt sind zahlreiche Münsteraner dem Beispiel gefolgt.

„Suche Frieden“?

Für den Abend ist ein ökumenischer Gottesdienst im Dom mit Bischof Felix Genn geplant. Schon am Morgen hatte es eine vom Deutschlandfunk übertragene und seit langem geplante Messe im Vorfeld des Deutschen Katholikentags in Münster vom 9. bis 13. Mai gegeben. Spontan rief Domkapitular Klaus Winterkamp dort dazu auf, nach den schrecklichen Ereignissen das Motto des Katholikentags „Suche Friede“ deutlich ernster zu nehmen. Es gebe keine vernünftige Antwort auf die Frage nach dem Sinn einer solchen Attacke: „Solange wir leben, werden wir Antworten auf Frieden suchen.“

Vielleicht ergibt die Tat keinen Sinn. Die Hoffnung aber auf einen positiven Effekt haben viele hier. „Die Tat müsste die Menschen wieder näher zusammenbringen“, hatte der ältere Italiener am Morgen gesagt. Jedenfalls am Tag danach scheint das zu gelten.