Dokumentation aus dem ökumenischen Gottesdienst

Amokfahrt in Münster: Die Gedenk-Predigt von Bischof Genn

Mehr als 2.000 Menschen haben am Sonntag in einem ökumenischen Gottesdienst im Dom in Münster der Opfer der Amokfahrt in der Altstadt von Münster am 7. April gedacht. In dem Gottesdienst predigte Bischof Felix Genn.

Verehrte Anwesende, verehrte Mitgedenkende, Mitbetende, liebe Schwestern und Brüder!

„Ich habe Schreie gehört!“ Mit diesem Satz eröffnete mir gestern Nachmittag jemand das grausame Geschehen. „Ich habe Schreie gehört.“ Manche von Ihnen werden in diesem Augenblick sofort an diese Schreie denken und sie noch unmittelbar in ihren Ohren hören und in ihrem Herzen mit dem Riss, den sie verursachen, spüren. Das ist es, was ein Mensch tut, wenn er so etwas Furchtbares erlebt. Er kann nicht stumm bleiben. Er muss schreien. Er muss irgendwohin seine Hilflosigkeit rufen und artikulieren. Ein Schrei des Schmerzes, der Hilflosigkeit, der Wut, der Trauer. Ein Schrei nach Hilfe, nach Menschen, die einen festhalten – oder einfach so.

Bischof Genn zur Eröffnung des Gottesdienstes
Wir stehen alle hier mit leeren Händen. Glaubende sagen: Ich stehe vor Dir mit leeren Händen, Herr. Menschen, die den Glauben für sich nicht als ihre Lebensanschauung ansehen, stehen mit uns zusammen mit leeren Händen hier. Ganz besonders die Angehörigen, die Betroffenen, die gestern Nachmittag dieses furchtbare Geschehen erlebt haben, Ihnen gilt mein besonderer Gruß und unser aller solidarisches Gedenken. Lassen Sie sich auch in Ihrem schweren Leid von dieser großartigen Solidarität an diesem Sonntagabend stützen und tragen.

Und irgendwann vielleicht auch der Schrei: Warum? So steht es ja auch geschrieben auf einem großen Zettel, der an der Figur des Kiepenkerls aufgestellt ist. Es ist das einzige Wort, das in dem Meer von Blumen und Lichtern zu lesen ist, das „Warum?“. Warum mein Partner, meine Partnerin? Warum gerade ich? Warum unsere Familie? Warum meine Freunde und Angehörigen? Warum? Warum an diesem richtig ersten schönen Frühlingstag in unserer Stadt Münster?

Finsternis mitten im Licht

Mitten in diesem vollen grellen Licht Finsternis und Dunkel. Warum?

Wie oft mögen Sie sich, verehrte Angehörige und alle, die unmittelbar betroffen sind, in diesen letzten Stunden auch diese Frage gestellt haben? Vielleicht reichte der Austausch, wenn jemand zuhört, vielleicht nicht einmal eine Antwort zu geben vermag. Das Gespräch, gewissermaßen das Miteinander-Teilen und -Brechen dieses Wortes „Warum?“. Ein Raum, dass ich nicht allein bin mit dieser Frage. Der Schrei des „Warum?“ braucht einen Ort, auch dann, wenn die Frage kaum auszuhalten ist. Einen Ort, wo ich es dann wenigstens mit anderen – wie in dieser großen Solidarität heute Abend – aushalten kann. Der Schrei eines Herzens! Dürfen wir es wagen angesichts dessen, was er angerichtet hat, auch im Herzen dieses Mannes, einen tiefen Schrei der Wunde und der Nicht-Antwort zu vermuten?

Auch Glaubende fragen nach dem Warum

Auch Glaubende sind dankbar, dass es einen solchen Ort gibt. Diejenigen, die für sich sagen müssen, dass der Glaube für sie kein Weg ist - ich vermute, auch Sie sind dankbar für einen Ort, diesen Schrei des „Warum?“ miteinander zu tragen. Glaubende und Nichtglaubende kennen dieses „Warum?“. Es ist falsch zu vermuten, dass die Glaubenden sofort die Antwort wissen. Glaubende und Kirche sind nicht eine Agentur für die Antworten auf die Lebensfragen, erst recht nicht auf dieses „Warum?“ Sie halten es mit aus.

Der Beter des Textes, den wir eben gehört haben, gibt davon beredt Zeugnis: „Warum?“ Und wie plastisch sind die Bilder des Leides, das er durchmacht. Wie viele können sich damit identifizieren - gerade auch in diesen letzten Stunden! Der Beter macht es sich nicht einfach. Das Wort am Schluss: „Du aber, Herr, halte dich nicht fern! Du, meine Stärke, eil mir zur Hilfe!“ (Ps 22, 20) - es wirkt doch schwach gegenüber der Schilderung des unsagbaren Leides, das er vorher vor uns ausgebreitet hat. Nicht zu schnell vom Schrei des „Warum?“ in das trostvolle „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ (GL 815) überzugehen, das gehört auch für den Glaubenden zu seiner Lebenswirklichkeit. Das Leid auszuhalten, auch wenn sich die Antwort nicht auftut.

Jesus schreit

Wir haben eben gehört, liebe Schwestern und Brüder, dass Jesus in Seiner letzten Stunde auf diesen Psalm zurückgreift. Wir feiern in diesen Wochen Ostern. Die Botschaft der Auferstehung und der Hoffnung wird überall und an allen Tagen verkündet. Aber es ist nicht eine Botschaft, die wie ein Meteorit unvermittelt vom Himmel fällt und dann die Herzen so trifft, dass sie entzündet werden. Sie ist verknüpft mit dieser Szene, und nur aus dieser Szene entspringt diese Botschaft.

Der Evangelist Markus sagt nicht: Jesus betet, Jesus murmelt, Jesus spricht den Psalm, den Er sicherlich schon oft in der Synagoge und im Tempel gesprochen hatte, vor sich hin. Nein: Der Evangelist sagt: Jesus schreit. Da ist er wieder der Schrei. Jesus schreit: Warum hast du mich verlassen Gott, auf den ich mich ein Leben lang gestützt habe? In dieser Stunde verfinstert sich alles, erst recht alles um Ihn herum. Er hält diese Frage aus, und sie brennt in Ihm, missverstanden von Seiner Umgebung. Und ausgerechnet der römische Hauptmann erkennt in diesem Sterbenden, der so schreit: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn“ (Mk 15, 39).

Er hat das Dunkel selbst durchgelitten

Liebe Schwestern und Brüder, das „Warum?“, das Dunkel, die Verlassenheit und Einsamkeit, ja die Gottverlassenheit, hat Er nicht durchgespielt, sondern durchgemacht, durchgelitten. Deshalb glauben Christen, dass sie auch in einer solchen unbeantworteten Situation bei Ihm an der richtigen Adresse sind. Deswegen bieten wir diesen Raum, um mit Ihnen Seine Frage nach dem „Warum?“ auszuhalten. Und so können wir bitten für die Toten, auch für den, der es verursacht hat. Wie mag es den Angehörigen dieses Mannes gehen? Für die trauernden Hinterbliebenen – was mögen Sie in Ihrem Herzen alles bewegen - die Vorfreude auf diesen Tag und dann das! Die Schwerverletzten, die immer noch um ihr Leben ringen. Die anderen, denen die Wirkung des Schocks noch lange nachgehen wird. Für sie alle bitten wir.

Und im Gedenken können auch Sie, die Sie nicht unmittelbar beten können, teilnehmen, an diese Menschen denken, sich innerlich verbinden mit denen, die beten, können wir gemeinsam traurig sein.

Dank an alle Helfer

Und, liebe Schwestern und Brüder, das ist mir in den letzten Stunden sehr deutlich ins Herz gegangen: Was haben wir auch zu danken für eine große Zahl von Menschen, die geholfen haben: Die vielen Notärzte, die Hilfskräfte der unterschiedlichen Gruppen und Organisationen, die Feuerwehr, die Notfallseelsorger, nicht zuletzt die Polizei. Da waren sicher nicht nur Männer und Frauen darunter, die an diesem Tag Einsatz hatten. Sie hatten sich möglicherweise den Tag anders vorgestellt, vielleicht im Garten mit der Familie zusammen zu sein. Notfallseelsorger aus Bielefeld hatten an diesem Tag ihren Ausflug hier nach Münster gemacht. Alle haben sich eingesetzt und nicht an ihre persönlichen Planungen gedacht.

Was können wir dankbar sein für eine solche solidarische Gemeinschaft! Und wir bringen diesen Dank auch in diese Stunde mit unserem Bitten und Bedenken hinein. Wir lassen uns von der Hoffnung und Zuversicht tragen, die Jesus in diesem letzten Schrei wahrscheinlich nicht ganz ausgeschaltet hatte: Dass die Verlassenheit von Gott nicht Sein Letztes sei, denn dafür hatte Er gelebt, daran hatte Er geglaubt, darauf hatte Er gehofft, deswegen hatte Er so viel geliebt.

Amen.