Neue SPD-Fraktionsvorsitzende

Andrea Nahles – Eine Christin, die später links wurde

Ihr Ministerium gilt als das fleißigste der vergangenen Legislaturperiode. Gesetze wurden fast im Monatstakt vorgelegt. Mit viel Pragmatismus und zähem Ringen um Kompromisse setzte SPD-Politikerin Andrea Nahles unter anderem die Rente mit 63 Jahren und den Mindestlohn durch. Sie kämpfte erfolgreich für mehr Teilhabe von Menschen mit Behinderung – und erwarb sich auch den Respekt des Koalitionspartners.

Nach dem für die SPD desaströsen Wahlergebnis beginnt sich nun das Personalkarussell zu drehen. Am Montag hat Parteichef Martin Schulz die 47-Jährige Nahles als Nachfolgerin von Thomas Oppermann für den Fraktionsvorsitz vorgeschlagen. Am Mittwoch wählte die Fraktion sie. Damit hat Nahles eines der wichtigsten Ämter inne, das die SPD derzeit zu vergeben hat. Zugleich ist sie die erste Frau, die an der Spitze der Fraktion steht.

Zu links, zu krawallig, zu schrill

Noch vor wenigen Jahren hätte kaum jemand aus ihrer Partei Nahles für diesen Posten auf dem Schirm gehabt. Vielen war die ehemalige Juso-Vorsitzende nicht erst seit ihrer Ablehnung der Agenda 2010 zu links, zu krawallig und – spätestens nach einem verunglückten Auftritt im Bundestag, als sie als Kritik an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die „Pippi Langstrumpf“-Melodie anstimmte – zu schrill.

Als Arbeitsministerin setzte Nahles ab 2013 viel daran, das Image einer Nervensäge wieder loszuwerden. Dies scheint ihr gelungen zu sein: Für das „katholische Mädchen vom Lande“, wie sie sich selbst einmal bezeichnet hat, könnte damit ein neues Kapitel in ihrer Karriere beginnen.

Hausfrau oder Bundeskanzlerin

Aus der Provinz kommt sie tatsächlich. Nahles wuchs in einem katholischen Elternhaus als Tochter eines Maurermeisters in der Eifel auf. Nach dem Abitur – in der Abiturzeitung gab sie „Hausfrau oder Bundeskanzlerin“ als Berufswunsch an – studierte sie Politik, Philosophie und Germanistik in Bonn.

Parallel dazu stieg Nahles in der SPD auf: Bereits als 18-Jährige trat sie in die Partei ein, 1995 wurde sie Bundesvorsitzende der Jusos. Mitglied im SPD-Parteivorstand ist sie seit 1997, dem Präsidium gehört sie seit 2003 an. In den Bundestag kam sie erstmals 1998. Bevor sie Arbeitsministerin wurde, war sie vier Jahre lang SPD-Generalsekretärin.

Nicht mit dem Glauben „hausieren“ gehen

Und sie ist katholisch, was vor dem Erscheinen ihrer Biografie vor acht Jahren nur wenige ihrer Parteigenossen wussten. Nahles kommt aus einem katholischen Elternhaus und ist in ihrem Glauben – wie sie bekannte – tief verwurzelt. „Aus meinem Christsein lässt sich mein Kompass für Gerechtigkeitsfragen entwickeln“, erklärte sie in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Und weiter: „Im Grunde entstand das linke, das sozialdemokratische Engagement aus meinem Engagement in der katholischen Kirche.“

So war Nahles Messdienerin und in einer ökumenischen Jugendgruppe aktiv. Seit dem vergangenen Jahr ist sie Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Ihr Glaube habe sie als Mensch geprägt, „lange bevor“ sie in die SPD eingetreten sei, betont sie. Damit „hausieren“ gehen wolle sie aber nicht. Trotzdem macht sie keinen Hehl daraus, dass im Bundestag bei ethischen Fragen auch ihr Glaube und das daraus abgeleitete Menschenbild eine wichtige Rolle spielen. So etwa als der Bundestag über strengere Vorlagen beim Embryonenschutz oder bei der Spätabtreibung debattierte. Auch bei dem langen Ringen um eine Neuregelung der Sterbehilfe stimmte Nahles einem Gesetzentwurf zu, der die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung unter Strafe stellt.

Triebkraft auch in schwierigen Zeiten

Unkritisch geht sie dabei mit ihrer Kirche nicht um. So bemängelte sie deren Umgang mit Homosexuellen: Sie habe Verständnis dafür, dass Schwulenverbände die Rede von Benedikt XVI. 2011 im Bundestag kritisierten, so Nahles – obwohl sie dessen Auftritt generell begrüßte. Auch sei Abtreibung für sie keine Sünde, es müsse ihr allerdings eine gründliche Gewissensentscheidung vorausgehen.

Als neue Fraktionsvorsitzende wird sie viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Dabei wird der Mutter einer kleinen Tochter, die vom Vater getrennt lebt, sicher auch der Glaube helfen: Er sei ihr „Movens, ihre Triebkraft auch in schwierigen Zeiten“.