Die Kunsthistorikerin kümmert sich intensiv um die Kirche am Niederrhein

Andrea Pufke: Erste Frau im Denkmalschutz

Behände steigt sie die steile Treppe auf dem Baugerüst im Innern des Xantener Doms empor. Flink erklimmt Andrea Pufke die Sprossen und folgt Johannes Schubert, dem Chef der Xantener Dombauhütte, bis sie vor dem gerade restaurierten Fenster in luftiger Höhe Halt macht. Interessiert hört sie den Ausführungen von Schubert zu, der ihr ausführlich die einzelnen Schritte der Restaurierung der mittelalterlichen Fenster im Xantener Dom erläutert.

Pufke will es genau wissen. Die oberste Denkmalschützerin fragt immer wieder nach, diskutiert einzelne Vorgehensweisen der Restauratoren mit Schubert noch auf dem Baugerüst und lässt sich die Technik im Detail erläutern.

Glasfenster sind ein Glücksfall

Weihnachts-Darstellung in einem Kirchenfenster des Xanter St.-Viktor-Dom. Weihnachts-Darstellung in einem Kirchenfenster des Xanter St.-Viktor-Dom. | Foto: Archiv

Und Schubert ist bemüht, keine Fragen offen zu lassen. Andrea Pufke betrachtet den Fortschritt der Restaurierung der berühmten Fenster nicht nur aus persönlicher Neugier, sondern vor allem aus beruflichem Interesse. „Die umfangreich erhaltenen, mittelalterlichen Glasmalereien im Xantener Dom sind ein wahrer Schatz und Glücksfall“, resümiert die Landeskonservatorin auf dem Gerüst. „Sie zählen zu den bedeutenden und qualitätsvollen Beständen mittelalterlicher Glasmalerei  in Deutschland.“

Die promovierte Kunsthistorikerin ist seit April 2012 Leiterin des Amtes für Denkmalpflege im Rheinland. Vor fünf Jahren folgte sie Udo Mainzer in das Amt, der mehr als 30 Jahre diese Aufgabe inne hatte. Als Landeskonservatorin ist sie verantwortlich für 100 000 Baudenkmäler im Landschaftsverband Rheinland, von denen 50 000 in die Denkmalliste eingetragen sind. Andrea Pufke ist die erste Frau, die dieses Fachamt mit 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern leitet.

Frauen sind mutiger

„Frauen sind auf dem Vormarsch“, sagt sie. „Fünf von 18 Ämtern werden inzwischen von Landeskonservatorinnen geleitet.“ Bei Vorstellungsgesprächen stelle sie immer wieder fest, „Frauen sind einfach besser. Sie sind strukturierter, mutiger und stehen ihren Mann auf der Baustelle.“

Wer sie nur wenige Minuten im Gespräch oder bei einer Besichtigung erlebt, spürt ihre Leidenschaft für die Rettung der Denkmäler. „Ich weiß, meine Arbeit ist sinnvoll. Ich spüre es förmlich. Es lohnt sich dafür zu kämpfen“, sprudelt es aus ihr heraus. Und während sie ihre Begeisterung in Worte kleidet, funkeln ihre Augen.

Ein täglicher Kampf

In diesem Moment vermittelt sie den Eindruck, mit jeder Faser ihres Herzens für diesen Beruf zu brennen. „Denkmäler zu erhalten ist ein täglicher Kampf. Immer wieder gehen bauliche und historische Schichten verloren“, beschreibt Andrea Pufke ihre Arbeit.

Der St.-Viktor-Dom in Xanten prägt die Landschaft am Niederrhein.Der St.-Viktor-Dom in Xanten prägt die Landschaft am Niederrhein. | Foto: Jürgen Kappel

Sie kann verstehen, dass Eigentümer in ihren historischen Gebäuden in einem modernen Umfeld leben wollen. „Doch wir vom Denkmalamt helfen ja mit. Vielfach kommen wir gerade gemeinsam zu großartigen Ergebnissen“, sagt Pufke. „Ja, wir regulieren, ja, wir greifen in fremdes Eigentum ein – aber nicht mit der Brechstange. Wenn das begriffen wird, ist es der schönste Beruf.“ Die Liebe zur Kunst und zu historischen Gebäuden hat ihre Mutter ihr eingepflanzt. Mit ihr hat sie viele Kirchen, Burgen und Schlösser besichtigt.

Kick für den Denkmalschutz

Ihren „Kick“ für die Kunst hat sie in der Oberstufe bekommen. Sie studierte Kunstgeschichte, Archäologie und Neuere deutsche Literatur. Zunächst favorisierte sie die Malerei. Doch eine Exkursion nach Florenz, wo sie sich mit Bildern des 14. und 15. Jahrhunderts beschäftigte, ließ Zweifel aufkommen. „Das muss ich alles können?“, fragte sie sich. Während eines Praktikums in einem Museum kam sie mit der Denkmalpflege in Berührung.

Die Magisterarbeit und die sich daran anschließende Promotion über die Restaurierung des Klosters Haina bildeten das Sprungbrett für ihre berufliche Laufbahn: Volontariat am Landesamt für Denkmalpflege in Mainz, Referentin am Landesamt in Münster, Referatsleiterin beim Bayerischen Landesamt, Geschäftsführerin des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalpflege in Bonn und seit 2012 Landeskonservatorin in Pulheim-Brauweiler nordwestlich von Köln.

Nachhaltige Arbeit

Begeisternde Arbeit früherer Baumeister: Blick ins Innere des Xantener St.-Viktor-Doms.Begeisternde Arbeit früherer Baumeister: Blick ins Innere des Xantener St.-Viktor-Doms. | Foto: Armin Fischer

Aus ihrem Büro blickt Andrea Pufke auf die mehr als 1000 Jahre alte Abteikirche in Brauweiler. Sie ist gerade wieder eingerüstet. „Hier kann man gut zeigen, wie wichtig unsere Arbeit ist“, erläutert sie. Vor Jahren habe man das Gebäude mit modernen Putz eingeschlemmt, sagt sie. Doch das historische Baumaterial und der moderne Putz hätten sich nicht vertragen. Um größere Schäden zu verhindern, müsse der Putz abgestemmt und neues Material, das mit der Bausubstanz kompatibel sei, aufgetragen werden.

„Immer wieder denken wir darüber nach, warum die früheren Baumeister ihre Entscheidungen so und nicht anders getroffen haben und sie entsprechende Materialien verwandt haben“, beschreibt sie ihre Arbeit. „Uns geht es doch darum, so viel historische Substanz wie möglich zu erhalten.“

Reparieren statt wegwerfen

Und dabei, fügt sie hinzu, seien sie nachhaltig und ressourcenschonend. „Wir reparieren, statt wegzuwerfen.“ Das betrifft auch und gerade Kirchen. Für Pufke ist die Restaurierung des Xantener Domes in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts ein Paradebeispiel. „Carl Cuno ist der erste Dombaumeister“, erzählt sie mit leuchtenden Augen. Intensiv hat sie sich mit seiner Arbeit und seinen Berichten beschäftigt. Cuno war mit den Restaurierungsarbeiten beauftragt worden. Vom Wetter ausgezehrt, mussten die Fugen und Witterungsspuren ausgebessert werden. „Der Dom bröckelte. Es musste unbedingt etwas getan werden“, berichtet sie.

Weil die Baukosten astronomisch in die Höhe schnellten, gründete Cuno einen Dombauverein. „Mit Erfolg“, meint Pufke. Cuno ist für sie gerade, was seine Arbeit betrifft, vorbildlich. „Er war für seine Zeit ein moderner Denkmalpfleger“, sagt sie. „Er dokumentierte exakt, was er restaurierte, damit folgende Generationen nachverfolgen konnten, was gemacht wurde. Er wollte den Dom und seine Baugeschichte mit allen Facetten für die Nachwelt erhalten.“

Astronomische Baukosten

Baudenkmäler wie der Xantener St.-Viktor-Dom sind aufgrund ihrer Größe und Baugeschichte für Pufke eine besondere Herausforderung. Alle Kirchen sind für sie von großer Bedeutung. Auch die modernen Kirchen, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind.

Pufke ist katholisch sozialisiert. Sie gehörte zu den ersten Messdienerinnen unter Franz Kamphaus. Über ihre persönliche Bindung schreibt sie den Kirchen eine große gesellschaftliche Bedeutung zu. „Sie besetzen Themen, die sonst nicht mehr besetzt werden“, meint sie. Als Denkmalpflegerin sei es vorteilhaft zu wissen, welchem Stellenwert liturgische Gesichtspunkte zukämen.

Transzendente Erfahrung

„Ich persönlich erfahre die Bauten am stärksten durch das Raumerlebnis“, sagt Pufke. Gerade romanische Kirchen haben es ihr angetan. „Sie sind archaisch, bodenständig und direkt. Über sie erlebe ich ihre transzendente Dimension.“