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Jens Joest über einen bemerkenswerten Wunsch zum Abschied

Angela Merkels musikalisches Glaubenszeugnis

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Nina Hagen und Hildegard Knef - die Musikwünsche von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu ihrem Abschied haben aufhorchen lassen. Dabei ist der dritte Wunschtitel das stärkste Zeichen, findet unser Redakteur Jens Joest.

Bei aller militärischen Strenge lässt der Zapfenstreich zum Abschied einer Bundeskanzlerin mit drei Musikwünschen eine im Wortsinn persönliche Note zu. Angela Merkel setzte ein bemerkenswertes religiöses Zeichen.

Sie hatte sich „Großer Gott, wir loben dich“ gewünscht. Das kann man naheliegend finden, Merkel ist evangelische Pfarrerstochter. Doch hätte sie kein Kirchenlied wählen müssen, war doch bei Zapfenstreichen schon Einiges zu hören: „I did it my way“ beim Abschied von Kanzler Gerhard Schröder oder die Rock-Hymne „Smoke on the water“ auf Wunsch von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.

Aufforderung einer Christin an alle Christen

So wird „Großer Gott, wir loben dich“ zum Statement. Zum einen, weil Merkel sich in einer Zeit ein Kirchenlied wünscht, in der die Institution Kirche diskreditiert ist. Da klingt in „Großer Gott, wir loben dich“ die Aufforderung einer Christin an alle Christen mit.

Zum anderen, weil der Wunsch etwas über Merkel sagt. „Ich hab's halt auf meine Weise gemacht“ beschrieb Kanzler Schröder präzise – zwischen selbstbewusst und selbstzufrieden. Dass Minister Guttenberg ein Lied von Qualm und Rauch wünschte, war wohl ungewollt komisch.

Ein Lied, das nicht Merkels, sondern Gottes Werke preist

Helmut Kohl wählte „Nun danket alle Gott“. Auch wenn er das nicht beabsichtigt haben dürfte: Schwang da der Gedanke mit, Gott für Kohls Kanzlerschaft zu danken? Oder für deren Ende?

Pathos ist der Christin und Politikerin Merkel fremd. Sie wünscht sich ein Lied, das nicht ihre, sondern Gottes Werke preist.

Ihre wichtigste Entscheidung war christlich geprägt

Zwei Musikwünsche verweisen auf die Biografie der Kanzlerin. Nina Hagens satirischer DDR-Schlager „Du hast den Farbfilm vergessen“ erinnert an Merkels Jahre im grauen Sozialismus. Mit „Großer Gott, wir loben dich“ steht sie zu ihrer christlichen Prägung. Politisch war diese am deutlichsten erkennbar in ihrer umstrittensten Entscheidung, nämlich 2015 die Grenzen für Flüchtlinge nicht zu schließen.

Weder dieser Schritt noch die Wahl eines Kirchenlieds werden zu Merkels Seligsprechung führen. Der zum Abschied musikalisch von ihr gewünschte Regen roter Rosen à la Hildegard Knef blieb auch aus. Die Kanzlerin geht mit einem öffentlichen Glaubenszeugnis. Nicht mehr – aber eben auch nicht weniger.

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