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Als ehemalige Botschafterin beim Heiligen Stuhl kennt sich die Katholikin mit Diplomatie aus. Welche Rolle sie dabei dem Glauben zuweist.
„Ein Plädoyer, sich das Hoffnungspotenzial der Religionen nicht nehmen zu lassen“: So hat am 27. August Dompropst Hans-Bernd Köppen den Vortrag von Annette Schavan abschließend zusammengefasst. Zuvor hatte die Vorsitzende der Hertie-Stiftung, ehemalige Bundesministerin und ehemalige Botschafterin am Heiligen Stuhl in Rom im St.-Paulus-Dom Münster über „Die Kraft der Religionen und ihr Gestaltungspotenzial für eine friedliche Welt“ gesprochen. Ihr Vortrag war Teil der Reihe „DomGedanken“, die in diesem Jahr unter dem Oberthema „Zukunft Deutschland – Bestehen in einer gefahrvollen Welt“ stehen.
Schavan stellte zunächst die kontinuierlichen Bemühungen der Kirche um Frieden in der Vergangenheit dar. In den Mittelpunkt rückte sie die Überlegungen des Schweizer Theologen Hans Küng zum Weltethos. Von einem solchen globalen Ethos sei die Menschheit „so weit entfernt wie seit Jahrzehnten nicht.“ Stattdessen stünden „alle Zeichen auf Konfrontation“. Schavan stellte fest: „An Gemeinsamkeiten arbeiten derzeit nur wenige. Die anderen basteln an einer neuen Weltordnung.“ Bereits getroffene Vereinbarungen der Solidarität würden aufgekündigt: „Wir kommen dem ,Wir‘ nicht nur nicht näher, wir entfernen uns immer weiter davon.“
Zu den Prioritäten von Papst Franziskus habe es gehört, die Religionen zum aktiven Dienst für den Frieden zu bewegen. Papst Leo knüpfe daran an. Allerdings hätten „Spannungen zwischen Politik und Religionen auch zu allen Zeiten zu Verfolgung, Gewalt und Terror“ geführt, gab Schavan zu bedenken. Sie führte Beispiele für die „fatale Vereinnahmung von Religion – auch im Christentum – durch die Kriegstreiber dieser Welt“ an.
Aufgrund positiver Erfahrungen aus der Vergangenheit sprach Schavan den Religionen trotzdem zu, „wirksame Stimmen für den Frieden“ sein zu können. Dies und der interreligiöse Dialog dürften aber nicht wenigen Idealisten überlassen werden. Auch dürfe den Radikalisierungen in den Religionen nicht tatenlos zugesehen werden.
Schavan: Erneuerung der Kirche von unten
Mit Blick auf Deutschland vertiefte Schavan diese Dimension. Sie zeichnete nach, wie sich die Gesellschaft von einer homogen christlichen zu einer vielfältigen entwickelte und wie der Autoritätsverlust der Kirchen entstand. Dahinter stecke „Verfallsgeschichte“, aber auch „Raum für Neues, für Aufbruch und neue Perspektiven.“ Um den zu nutzen, müsse die Kirche die „Sprache des Glaubens“ neu entdecken. „Die Priorität der kirchlichen Verwaltung sollte durch die Solidarität mit den Peripherien unseres Landes und der Welt ersetzt werden“, forderte Schavan, „auf die Zeit der Gewohnheiten folgt nun die Zeit der Entscheidungen.“ Das erfordere „eine christliche Geistesgegenwart“. Die Erneuerung der Kirche müsse von unten ausgehen.