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Fragen an Frauen, Pfarreirat, Senioren, KAB, Seelsorger und Messdiener in Cloppenburg

Anpacken statt Schockstarre – Wie eine Gemeinde den Lockdown meistert

  • Eingeschränkte Gottesdienste, geschlossene Pfarrheime, Kontaktverbote - Die Corona-Pandemie macht den Pfarreien das Leben nicht leicht.
  • Dennoch versuchen engagierte haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter, das Beste aus der Situation zu machen und einen Weg in die Zukunft zu finden.
  • Das Beispiel der Cloppenburger St.-Andreas-Pfarrei erzählt vom Einsatz, den Grenzen, aber auch von völlig unerwarteten, neuen Erfahrungen.
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„Manchmal fühlt es sich an wie eine Achterbahnfahrt“ - so beschreibt Theresia Klinke das Auf und Ab als Pfarreiratsvorsitzende im oldenburgischen Cloppenburg. „Mal hoffnungsvoll mit neuen Gedanken und Plänen. Mit dem Gefühl: Jetzt kann es bald wieder losgehen.“ Um bald wieder von Lockdown und steigenden Infektionszahlen und den Statistiken der Verstorbenen eingeholt zu werden, zurückgeworfen auf den steinigen Boden der Tatsachen.

Das geplante Pfarrfest der St.-Andreas-Pfarrei im letzten Sommer ist ein Beispiel dafür. „Wir hatten die Organisation schon fast komplett stehen“, sagt Theresia Klinke. „Und dann kam Corona.“ Auch die Pläne für einen Ersatztermin in diesem Jahr haben sie und die anderen im Pfarreirat erst mal wieder zurückgestellt. „Im Moment sehe ich das nicht, trotz Impfungen. Ich glaube, da brauchen wir doch einen etwas längeren Atem.“

Dauernde Absagen frustrieren

Theresia Klinke
Theresia Klinke ist Pfarreiratsvorsitzende in Cloppenburg. | Foto: privat

„Wir können nur auf Sicht fahren“ - das hat die Vorsitzende gelernt. Wer weiß heute schon, was im Sommer sein wird? Ihre manchmal bittere Erfahrung: „Von dem, was wir langfristig  geplant hatten, mussten wir fast alles wieder canceln.“ Deshalb laufe im Moment das meiste Schritt für Schritt. Theresia Klinke: „Weil es demotivierend ist, viel Energie in etwas hineinzustecken, das dann doch ausfallen muss.“

Cloppenburg ist nur ein Beispiel für die Lage in vielen Pfarreien: zwischen Lockdown und Lockerungen, zwischen Frust und Fortsetzung. Wie gehen sie mit dieser Situation um? Wie halten sie die Motivation der Ehrenamtlichen hoch? Verlieren da nicht viele die Lust am Mitmachen?

Zwischen Lockdown und Lockerungen

„Natürlich tut das manchmal weh“, sagt auch Christel Tenz. Sie ist Vorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB) im Cloppenburger Gemeindeteil St. Andreas. Der Frauenbund hat der Stadt die Funktion, die in anderen Gemeinden die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (KFD) einnimmt.  Christel Tenz sagt: „Den Frauen fehlt einfach die Gemeinschaft: dass man sich trifft, dass man sich sieht, dass man sich mal untereinander austauschen kann, etwa über familiäre Themen.“

Und auch die ehrenamtlichen „Vertrauensfrauen“ müssen verzichten. Das traditionelle Dankeschön-Treffen für sie bei Kaffee und Kuchen musste ausfallen. Das schmerzt Christel Tenz besonders, weil sie weiß, wie wichtig der Einsatz dieser Frauen ist. Sie halten den Kontakt zu den Mitgliedern in ihrem Bezirk, klingeln regelmäßig an deren Türen, bringen die Verbandzeitschrift vorbei oder sammeln Beiträge ein.

Frauen: Gottesdienst und Grußbotschaften

An seinen monatlichen Gemeinschaftsmessen haben die Frauen trotz allem festgehalten. Dazu treffen sie sich immer am letzten Mittwoch im Monat in der St.-Andreas-Kirche. „Es war ja die einzige Möglichkeit, dass sich wenigstens einzelne Frauen mal sehen.“ Nur das Frühstück danach musste ausfallen, natürlich.

Und zu Weihnachten haben dann alle Frauen einen Weihnachtsgruß bekommen. „Sie sollten wissen, dass es uns noch gibt“, sagt Christel Tenz. Einige hätten sich anschließend telefonisch bedankt. Ein Zeichen dafür, dass es ihnen gut getan habe, meint die Vorsitzende. „Deshalb wollen wir auch Ostern wieder Grüße verschicken – falls das mit dem Lockdown so weitergeht.“

Jugend: Jede Woche Videomeeting

Auch der Pfarrei-Nachwuchs hat sich auf die neuen Bedingungen eingestellt, zum Beispiel mit Technik. Für die Gruppenleiter der Ferienlager etwa sei die digitale Video-Konferenz längst selbstverständlich, sagt Michael Bohne. Der Kaplan in der St.-Andreas-Pfarrei braucht da nichts mehr zu erklären. Wenn er zum „Zoom-Meeting“ einlädt, wissen alle Bescheid.

Kaplan Michael Bohne
Michael Bohne ist Kaplan in der St.-Andreas-Pfarrei. | Foto: Michael Rottmann

Der Jugendarbeit geht es in punkto Planungssicherheit dennoch nicht besser als den Erwachsenen. Auch über ihr schweben mögliche Absagen wie Damoklesschwerter. Das hält die engagierten jungen Leute aber nicht vom Einsatz ab. Michael Bohne lächelt. „Mein Eindruck ist: Sie hoffen mit allem, mit dem sie hoffen können, dass es gut geht.“ Da wirke ein Ferienlager wie ein Lichtblick, auf den sie zuarbeiten und auf dem sie ihre Zuversicht aufbauen. Nach dem  Motto: „Wir planen so, als ob es sicher stattfindet. Auch wenn wir wissen, dass es sein kann, dass das am Ende nicht funktioniert.“

Der Kaplan spürt geradezu eine Sehnsucht der jungen Leute: „Sie wollen sich wieder treffen, sie wollen etwas machen.“ Und sei es erst einmal nur digital. Die Oberrunde der St.-Andreas-Messdiener etwa verabredet sich seit Monaten jede Woche zu Videokonferenzen. Aber auch die diesjährige Tannenbaumaktion haben sie nicht ausfallen lassen.

Messdiener: Alle wollen wiederkommen

Was Corona für den Alltag als Messdiener-Gruppenleiter bedeutet, beschreibt Jan Tebben. Bis zum Herbst leitete er eine Gruppe im Gemeindeteil St. Augustinus. „Es war ganz anders“, erinnert er sich an die Corona-Zeit. „Weil man jedes Mal gucken musste, was die Maßnahmen gerade zulassen.“ Die neun Kinder immer wieder auf die Corona-Regeln hinzuweisen, „das war nicht so schön“, sagt der 18-Jährige. „Weil sie ja kommen, um miteinander Spaß zu haben. Und da möchte man ja auch nicht immer der Buh-Mann sein.“

In der Zeit, als es überhaupt keine Gottesdienste gab, hat er sich ab und zu auch gefragt, wie es wohl nach Corona weitergehen wird. „Ob das Interesse der Kinder an den Gruppenstunden denn überhaupt dann noch da ist?“ Aber die ersten Treffen nach den Ferien hätten ihm deutlich gezeigt: „Die Kinder wollten gerne wiederkommen und weiter Messdiener sein.“

Dankbriefe an Ordnerdienste

Pastoralreferent Thomas Gehlenborg.
Pastoralreferent Thomas Gehlenborg. | Foto: privat

Ob aber auf Dauer wirklich alle bei der Stange bleiben werden? Pastoralreferent Thomas Gehlenborg ist sich da nicht so sicher. Er kann sich in manchen Bereichen einen deutlichen Einbruch der Aktiven-Zahlen vorstellen, aus der Erfahrung heraus: „Eigentlich fehlt mir nichts. Ich weiß noch nicht, ob ich da wieder hingehe?“ Aber er sieht auch wichtige Erfahrungen der Gemeinde in der Lockdown-Zeit: Zum Beispiel: „dass alles Persönliche und Verbindende – auch mit dem nötigen Sicherheitsabstand – sehr gefragt ist.“

Deshalb telefoniert auch Kaplan Bohne deutlich derzeit mehr als sonst. Und er bedankt sich bei möglichst vielen persönlich für ihren Einsatz, hat etwa den Sternsinger-Organisatoren Briefe geschickt. „Und Pfarrer Bernd Strickmann hat zum Beispiel allen in Briefen gedankt, die den wegen Corona nötigen Ordner- und Helferdienst in den Kirchen übernommen haben“, sagt Michael Bohne. „Ohne sie wären wir ja aufgeschmissen.“

KAB: Kerzen, Cappuccino und Schokolade

Margret Abu Gazaleh
Margret Abu Gazaleh ist Vorsitzende der Cloppenbuger KAB. | Foto: Martin Kessens

Auch die rund 180 Mitglieder starke Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) in Cloppenburg setzt in der Corona-Zeit auf solch persönliche und verbindende Zeichen, erklärt die erste Vorsitzende Margret Abu-Gazaleh. Den Senioren haben sie und die anderem in Vorstand als Ersatz für deren Treffen regelmäßig persönlich unterschriebene Grußkarten oder Briefe vorbeigebracht. Im Januar gab es außerdem für jeden ein Tütchen unter dem Motto „15 Minuten für die Seele“ nach Hause. Unter anderem mit einem Tütchen Cappuccino, einem Teelicht, etwas Schokolade. „Damit die Beziehung zu KAB bleibt.“

Das übliche Jahresprogramm der KAB muss derzeit ausfallen. Margret Abu-Gazaleh macht sich auch durchaus Sorgen, ob es gelingen wird, nach Corona alle Aktiven wieder zum Weitermachen zu bewegen. Auch, was den politischen Einsatz der KAB angeht. Sie hofft aber, dass das klappt. „Wir wollen schließlich weiter an unseren Themen arbeiten. Aber wir warten auf eine sicherere Zeit.“

Senioren: Post in die Briefkästen

Persönlich und verbindend zu wirken – das hat auch eine andere Aktion von Senioren im Sinn. Die etwa dreißig Mitglieder einer Gruppe im Cloppenburger Gemeindeteil St. Augustinus trafen sich bis zum Frühjahr 2020 an jedem Montag zum Gottesdienst und zum anschließenden Beisammensein. Und seit dabei nur noch die Gottesdienste möglich sind, bekommen sie jeden Monat einen Brief nach Hause gebracht.

Ursula Ellers
Ursula Ellers gehört zur Seniorengruppe im Cloppenburger Gemeindeteil St. Augustinus. | Foto: privat

Irene Oehl und Ursula Ellers, die selbst zur Gruppe gehören, haben das Angebot in die Hand genommen. Sie verfassen die Schreiben und werfen sie eigenhändig in die Briefkästen. „Das ist wichtig für unseren Zusammenhalt. Es zeigt den Mitgliedern, dass sie nicht vergessen sind“, sagt Ursula Ellers. „Und ich behaupte: Wenn wir das nicht gemacht hätten, wäre die Gruppe nicht mehr so zusammen.“

Aus Helferdienst wurde Begrüßungsdienst

Corona verhindert viel. Corona stellt Althergebrachtes infrage. Aber Corona kann auch Prozesse beschleunigen und neue Ideen freisetzen. Von einem Beispiel für dieses Phänomen berichtet Pfarreirats-Vorsitzende Theresia Klinke. Sie meint dabei den Ordnerdienst, der laut Hygiene-Konzept für alle Gottesdienste verpflichtend ist und der in St. Andreas „Helferdienst“ heißt.

Diese Helfer holen die Teilnehmer in der Corona-Zeit an der Kirchentür ab und bringen sie zu einem freien Platz. Theresia Klinke lächelt: „Und damit haben wir jetzt durch Corona etwas, was sich manche schon vorher gewünscht haben: einen Begrüßungsdienst in der Kirche, bei dem jeder persönlich in Empfang genommen wird.“

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