Papst-Biograf Feldkamp: Neue Akten führen zu differenzierterem Bild

„Archivöffnung zu Pius XII. kann Seligsprechung beeinflussen“

Die Archivöffnung im Jahr 2020 zum Pontifikat von Papst Pius XII. kann nach Ansicht des Berliner Historikers Michael F. Feldkamp auch die Seligsprechung von Eugenio Pacelli beeinflussen. Im Gespräch mit dem Online-Portal „Kirche+Leben“ aus Münster sagte Feldkamp, der Prozess der Seligsprechung sei zwar juristisch abgeschlossen. „Aber die Seligsprechung selbst erfolgt durch den Papst“, erklärte der Historiker, der 2018 eine Biografie von Papst Pius XII. veröffentlicht hat. Nun sei es möglich, dass Franziskus „aus welchen Motiven auch immer“ in das Verfahren eingreife.

Der Berliner Historikers Michael F. Feldkamp. | Foto: Christof Haverkamp
Der Berliner Historiker Michael F. Feldkamp. | Foto: Christof Haverkamp

Die geplante Archivöffnung im kommenden Jahr wird nach Feldkamps Worten zu einem nuancenreicheren und detaillierteren Bild der Amtszeit von Pius XII. führen. „Wir werden vor allem sehr viel mehr feststellen können, wer ihn versucht hat zu beeinflussen“, sagte der Historiker. Auch werde klar, was der Papst von der Judenvernichtung und anderen Ereignissen gewusst habe und was nicht. Ebenso könnten nun viele Hintergründe deutlicher werden.

„Plötzlich diplomatische Beziehungen mit Japan“

Als Beispiel nannte Feldkamp die Beziehungen des Vatikans zu Japan während des Zweiten Weltkriegs. Nachdem die Japaner im Dezember 1941 den amerikanischen Militärstützpunkt Pearl Harbour im Pazifik angegriffen hätten, habe die japanische Regierung den Heiligen Stuhl um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und um einen Austausch von Botschaftern gebeten. Diesem Wunsch sei Pius XII. trotz der Einwände der US-Regierung gefolgt. „Da können wir schauen, welche Motive Pacelli oder die Kurie wirklich umgetrieben haben und warum sie mit Japan plötzlich diplomatische Beziehungen aufnehmen wollten“, sagte Feldkamp.

Der Historiker nannte es überraschend, dass Papst Franziskus selbst die Archivöffnung bekannt gegeben habe und dass er die Akten nicht nur bis zum Kriegsende 1945, sondern für das gesamte Pontifikat Pius‘ XII. bis zum Oktober 1958 zur Verfügung stellen wolle. Nun stünden die zuständigen Archivare im Vatikan vor der Herausforderung, die Akten bis zum März 2020 so aufzubereiten, dass Wissenschaftler und Journalisten sie nutzen könnten. Zu den zentralen Archivalien gehören nach Einschätzung Feldkamps die Protokolle der Audienzen mit dem Kardinalstaatssekretär. Hier könnte demnächst genau gesagt werden, was Papst Pius XII. gewusst habe und was nicht.