SOZIALES

Kirche und Politik müssen Arme ins Zentrum der Sozialpolitik stellen

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Leo fordert die Kirche dazu auf, Partei für die Ausgegrenzten zu ergreifen. Dafür braucht es auch die Politik, sagt Caritasvorstand Christian Germing.

„Ich habe dir meine Liebe zugewandt“ – Mit diesen Worten beginnt das neue Lehrschreiben „Über die Liebe zu den Armen“ von Papst Leo XIV. zu Fragen der Armut und des karitativen Handelns der Kirche. Zwei Passagen in dem Dokument haben mich besonders angesprochen.

Direkt in der Einleitung nimmt Papst Leo XIV. Bezug zum Magnifikat, dem Lobpreis Mariens: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Mit dem Magnifikat habe ich mich vor 20 Jahren als BDKJ-Diözesanvorsitzender auseinandergesetzt. Die katholischen Jugendverbände im BDKJ hatten das Magnifikat als Leitmotiv zur Vorbereitung auf den Weltjugendtag 2005 in Deutschland gewählt. Das Magnifikat verbindet den Lobpreis Gottes mit der gesellschaftspolitischen Option für Gerechtigkeit, Solidarität und Frieden. Papst Leo XIV. macht in seinem Schreiben deutlich: Die Kirche ist dann glaubwürdig, wenn sie sich wie Maria auf die Seite der Armen stellt und Gottes Gerechtigkeit in der Welt sichtbar macht.

Mit den Armen Politik gestalten

Der Autor:
Christian Germing ist seit 2018 Vorstand des Caritasverbandes für den Kreis Coesfeld e.V.

Und zweitens würdigt der Papst das „Jahrhundert der Soziallehre der Kirche“. Er betont, dass die Kirche nicht am Rand gesellschaftlicher Fragen stehen darf, sondern mitten in ihnen an der Seite der Armen, Ausgegrenzten und Benachteiligten.

Er fordert auf, die strukturellen Ursachen der Armut zu beseitigen und bekräftigt den Auftrag der Katholischen Soziallehre. Jeder in der Kirche sollte entschieden Partei für die Schwächsten nehmen. Sozialpolitik darf nicht nur für die Armen gedacht sein, sondern muss mit ihnen gestaltet werden. Es reicht nicht, über sie zu sprechen; ihre Perspektiven müssen Teil der politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse sein.

In der Arbeit der Caritas erleben wir täglich, wie vielfältig Armut heute ist: psychische Erkrankungen, Wohnungslosigkeit, prekäre Beschäftigung, Einsamkeit. Der Papst benennt diese Realitäten mit einer Klarheit, die aufrüttelt. Und er fordert uns auf, nicht nur zu helfen, sondern auch zu hinterfragen, welche gesellschaftlichen Strukturen diese Armut verursachen und verfestigen. Als Caritasverband richten wir unser Augenmerk auf diesen Personenkreis: auf Menschen, die oftmals keine Lobby haben und im Alltag auf eine umfassende Hilfe angewiesen sind.

Damit wir unseren Auftrag auch in Zukunft erfüllen können, brauchen wir eine Sozialpolitik, die Türen offen hält.

In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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