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Nachruf auf Kirchengeschichts-Professor der Universität Münster

Arnold Angenendt: Begnadeter Rhetoriker hielt Kirchengeschichte lebendig

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Er füllte Hörsäle und begeisterte junge Studierende wie Senioren im Studium im Alter: Arnold Angenendt, der renommierte Kirchenhistoriker aus Münster, war ein begnadeter Rhetoriker, der Geschichte lebendig werden ließ. Der Wissenschaftler und Priester starb am 8. August 2021 in Münster im Alter von 86 Jahren. Ein Nachruf.

Arnold Angenendt brauchte nur selten ein Blatt Papier, wenn an der Universität Münster eine Vorlesung anstand. Mit einer Portion Humor und einer Lebendigkeit, die nur Wenigen zu eigen ist, pflegte er einen Vortragstil, der die Zuhörenden in seinen Bann zog.

Wer eine akademische Stunde (45 Minuten) und manchmal auch zwei akademische Stunden (90 Minuten) so niveauvoll und im besten Sinn des Wortes unterhaltsam gestalten konnte, der bleibt lange in Erinnerung. Arnold Angenendt war jemand, dessen legendärer Vortragstil all jene begeisterte, die sich für Kirchengeschichte interessierten.

 

Lehrstuhl an der Universität Münster

 

16 Jahre lang, von 1983 bis zu seiner Emeritierung 1999, hatte Angenendt den Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster inne. Dort hatte der 1934 im niederrheinischen Goch geborene und 1963 in Münster zum Priester geweihte Wissenschaftler noch längere Zeit am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ weiter geforscht, besonders zu Themen der Religiosität im Mittelalter.

Nicht nur die Studierenden verdanken dem am 8. August 2021 im Alter von 86 Jahren verstorbenen Kirchenhistoriker viel. Als sich die Hörsäle für die älteren Semester im Studium im Alter öffneten, mussten diese sich lange vor Vorlesungsbeginn um einen Sitzplatz bemühen.

 

Domführungen und Predigten in Dominikanerkirche

 

Wenn Angenendt fesselnd die guten und dunklen Seiten der Kirchengeschichte lebendig werden ließ, kamen auch die, die vielleicht gar nicht so viel über Kirche wissen wollten, aber dann doch immer mehr erfahren wollten über Themen wie „Toleranz und Gewalt im Christentum“ oder über „Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum“. Über diese beiden Themen schrieb Angenendt bedeutende Standardwerke, die in mehreren Auflagen erschienen.

Auch wenn der akademische Hörsaal für Angenendt der Ort war, wo er die Studierenden zum selbstständigen Denken ermutigte, so sind es die zahlreichen abendlichen Führungen im Paulusdom in Münster und seine Predigten in der Dominikanerkirche an Münsters Salzstraße gewesen, die vielen Menschen Glauben und Religion nahebrachten.

 

Dunkle Seiten der Kirchengeschichte

 

„Ich bin ein religiöser Mensch, und ich bin hoffentlich ein Mensch, der den Verstand benutzt. Das sind meine beiden Antriebe“, hat Angenendt einmal von sich gesagt. Gottesdienst, die Feier der Liturgie, war für Angenendt immer etwas Selbstverständliches, etwas Gutes, auch wenn die Geschichte des Christentums eine eigene Geschichte der Sünde hat.

Angenendt hat die dunklen Seiten der Kirchengeschichte nie beiseitegeschoben oder relativiert. Leib- und Geschlechterfeindlichkeit, Erzeugung falscher Schuldgefühle, Anspruch auf alleinseligmachende Wahrheit und damit Intoleranz, Inquisition und Verbrennung von Ketzern, Mission im Kolonialismus oder Antijudaismus – Angenendt hat sich akribisch mit den gängigen Anklagen gegen das Christentum auseinandergesetzt. Seine Studie „Toleranz und Gewalt – Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“ setzte Maßstäbe in der Diskussion um Anspruch und Wirklichkeit des Christlichen in den Epochen der Kirchengeschichte.

 

Internationale Anerkennung

 

Das Bistum Münster verdankt ihm mehrere bedeutsame Publikationen. So war Angenendt Herausgeber einer fünfbändigen Geschichte des Bistums. Anlässlich des Jubiläums „1200 Jahre Bistum Münster“ im Jahr 2005 schrieb er ein Lebensbild über den Missionar und ersten Bischof von Münster, Liudger (Ludgerus).

Viele Bücher machten Angenendt weit über die Grenzen der deutschsprachigen Wissenschaft bekannt, internationale und nationale Ehrungen bestätigen dies. Angenendt war „Member of the Institute for Advanced Study“ in Princeton (New Jersey), Mitglied der Akademie der Wissenschaften des Landes Nordrhein-Westfalen und Ehrendoktor der Universität Lund in Schweden.

 

Überdenken des Pflichtzölibats

 

2011 hielt Angenendt im Rahmen einer Tagung, die das Exzellenzcluster „Religion und Politik“ zusammen mit dem Deutschen Historischen Institut und der Moskauer Lomonossow-Universität veranstaltete, als erster katholischer Geistlicher im Kreml einen Vortrag. Sein Thema: „Die Theologie der Gabe“.

Auch wenn Arnold Angenendt sich nur selten zu aktuellen kirchenpolitischen Fragen geäußert hat, so bleibt sein Scharfsinn bestechend, wenn es gilt, eine zweitausendjährige Kirchengeschichte einer Prüfung zu unterziehen. In seinem 2015 erschienenen Buch „Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum“ forderte er eine Reform der katholischen Sexuallehre und ein Überdenken des Pflichtzölibats.

 

Toleranz im Christentum

 

Über den Zölibat hatte Angenendt einige Jahre zuvor 2011 in der „Süddeutschen Zeitung“ einen Beitrag veröffentlicht, der mit seiner Aussage im innerkirchlichen Bereich für Aufsehen sorgte: „Der Zölibat basiert auf einem archaischen Reinheitskult, den Jesus überwinden wollte“ – so Angenendts These. Und weiter: „Wer grundsätzlich darauf besteht, Priestertum sei nur zölibatär möglich wie auch die Mundkommunion die einzig mögliche Empfangsform, leugnet die religionsgeschichtliche Revolution Jesu Christi.“

Vor drei Jahren schrieb Angenendt, der große Gelehrte über die mittelalterliche Religiosität, sein letztes Buch. Es trägt den Titel „Lasst beides wachsen bis zur Ernte…“. Angenendt beschreibt in dieser Darstellung die Geschichte der Toleranz im Christentum von den Anfängen bis hin zu den Menschenrechten und der modernen Religionsfreiheit unserer Tage.

 

Urteil über Ketzer und Abtrünnige

 

Im Zentrum steht Jesu Gleichnis vom guten Weizen, in den der Teufel Unkraut sät. Die anschließende Aufforderung „Lasst beides wachsen bis zur Ernte“ überlässt es allein Gott, am Ende der Tage das Urteil über Häretiker, Ketzer oder Abtrünnige zu fällen. Dem Menschen steht dieses Urteil nicht zu. „Dies ist der bedeutendste Beitrag des Christentums zur Toleranz“, schreibt Angenendt.

Aber auch hier spart der Wissenschaftler die dunkle Seite der Kirchengeschichte nicht aus: Die Geschichte der Toleranz im Christentum ist weitaus vielgestaltiger und nicht frei von gegenteiligen Befunden. So billigte etwa Thomas von Aquin im Hochmittelalter die Ketzertötung, und noch die Reformatoren Luther, Zwingli und Calvin folgten ihm.

 

Denken in großen Zusammenhängen

 

Arnold Angenendt war ein Priester und Theologe, der viele mit seinem Denken und Nachdenken beeinflusst hat. In der katholischen Kirchengeschichtsschreibung hat er seinen festen Platz als jemand, der Geschichte vergegenwärtigen und selbst eine kleinteilige Spezialforschung in größere Zusammenhänge stellen konnte.

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