Florian Kossen aus Goldenstedt berichtet von schockierenden Diagnosen

Arzt: Schlachthof-Arbeiter krank wegen unmenschlicher Bedingungen

Das Wartezimmer hat zwei große Fenster, es ist hell. Wer auf dem Tisch kramt, findet nur ein fünf oder sechs Zeitschriften. Aber Dutzende Bilderbücher und in einer Ecke einen Berg von Plastikautos, Bauklötzen und Steckpuzzles. Ein Patient wird denken: Als Erwachsener wartet man hier nicht lange. Oder man hat Kinder.

Eine große Gruppe der Patienten hat aber keine Kinder: Männer und Frauen, die in Großschlachthöfen im Kreis Vechta arbeiten. Denn die sind allein in Deutschland, sie haben ihre Kinder in Rumänien oder Bulgarien zurückgelassen. Sie sind geflohen vor dem Elend in ihrer Heimat und suchen Arbeit. In Schlachthöfen. Sie finden Arbeit. Aber die Bedingungen dieser Arbeit – die machen sie krank. Die bringen sie ins Sprechzimmer von Florian Kossen im Finkenweg 7c in Goldenstedt (Kreis Vechta).

Junge Menschen sehen sehr alt aus

Florian Kossen spricht ruhig und leise, mustert sein Gegen­über genau. Wichtig für einen Arzt, der aus dem Aussehen eines Patienten wichtige Schlüsse ziehen kann. Zum Beispiel bei Kranken, die Florian Kossen regelmäßig vor sich hat. Männer, die er mit seinem erfahrenen Blick auf Ende 40 schätzt – nach den ersten Worten erfährt er: Sie sind erst Mitte 20. „Dann bin ich schon schockiert.“

Diese Menschen sehen so alt aus, weil sie hart arbeiten. Zu hart. Und unter unmenschlichen Bedingungen. Das hat Florian Kossen gelernt, in den sieben Jahren, seit er zum ersten Mal Rumänen vor sich stehen hatte. Ausländische Arbeiter, die mit Werkverträgen in der südoldenburgischen Fleischindustrie beschäftigt sind.

Sie kommen immer wieder

Inzwischen ist jeder sechste Patient ein solcher Arbeiter, schätzt Kossen, mindestens ein Dutzend am Tag. „Und es hört nicht auf.“ Er weiß, dass die Öffentlichkeit darüber diskutiert, dass die regionale Schlachtindustrie bessere Arbeitsbedingungen versprochen hat. „Aber dann sehe ich diese Arbeiter immer wieder in meiner Praxis – und es geht ihnen noch viel, viel schlechter.“

Florian Kossen hat Innere Medizin studiert, an den Krankenhäusern in Diepholz und Vechta gearbeitet. Ihn kann so leicht nichts erschüttern. Aber er war doch sprachlos, als Arbeiter einer Reinigungskolonne zu ihm kamen: der ganze Körper verätzt, weil es zu wenig oder undichte Schutzanzüge gab.

Überlastung bei der Arbeit macht sie krank

Ein dramatischer Notfall. Aber Florian Kossen kennt auch die alltäglichen Beschwerden, weniger dramatisch, aber ebenso gefährlich für die Gesundheit. Schwere Entzündungen etwa in den Gelenken oder an der Wirbelsäule, dann stehen gebückte, fiebernde Menschen vor ihm. „Alles Folge von Überlastung.“

Der Mediziner berichtet von zierlichen Frauen, kaum 20 Jahre alt, die zwölf Stunden Kisten von 30 Kilo Gewicht durch eine tiefgekühlte Halle schleppen, sechs Tage die Woche. „Da ist es vorprogrammiert, dass sie krank werden.“

Kossen weiß inzwischen, mit welchen Beschwerden die Arbeiter kommen. Über die Jahre habe er eine „gewisse Routine“ bei diesen Beschwerden entwickelt, sagt er. „Aber es ist wirklich keine schöne Routine.“

Ganz anders als bei deutschen Arbeitern

Weil er es auch anders erlebt: mit deutschen Arbeitern, vielleicht in Handwerksbetrieben. Die kommen manchmal mit ähnlichen Beschwerden zu ihm. „Aber das geht dann seinen normalen Weg: behandeln, krank melden, oft über Wochen. Zum Teil läuft es auf eine Reha hinaus.“

Florian Kossen lacht. Reha! Er hat es schon schwer genug, den Arbeitern aus den Schlachthöfen überhaupt eine Krankmeldung zu geben. „Ich verordne Medikamente und empfehle dringend, sich zu schonen.“ Inzwischen hat Kossen gelernt, dass die Arbeiter seinem Rat gar nicht folgen können. „Sie haben vom Arbeitgeber gehört: Wer mit dem gelben Schein kommt, der kann gehen.“

Der Mediziner sieht sich vor einem sozialen Problem

Da berührt seine medizinische Arbeit ein großes soziales Problem, darüber ist sich der Arzt klar. Er kennt den Hintergrund dieser Werkverträge – sein Bruder, Pfarrer Peter Kossen aus Lengerich, setzt sich seit Jahren für diese Arbeiter ein: für bessere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen.

Zu den Folgen dieser Arbeitsbedingungen hat Florian Kossen eine Menge zu sagen: „Viele Patienten sind körperlich total erschöpft, so schlimm, wie ich es in zwei Jahrzehnten als Arzt vorher nie gesehen habe.“

Jetzt wurde es Florian Kossen zu viel

Florian Kossen ist kein lauter Mensch, der 47-Jährige aus dem kleinen Ort Rechterfeld bei Visbek lebt für seinen Beruf und vor allem für seine Familie. Eine ganze Wand in seinem Sprechzimmer ist übersät mit Dutzenden Fotos seiner Frau und der vier Kinder.

Er hat auch gezögert, mit seinen Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu gehen. „Ich habe mich immer gefragt: Wie weit mache ich das mit, wann wird es mir zu viel?“ Florian Kossen hat gezögert. Über die Jahre aber änderte sich nichts – immer weiter kamen überlastete und verletzte Arbeiter aus der Schlachtbranche zu ihm. „Das hat mich wütend gemacht.“

So wütend, dass er die Öffentlichkeit vor die medizinischen Folgen stellte, die ungerechte Arbeit in Schlachthöfen haben kann.

Als weiteren Beitrag finden Sie ein Interview mit Pfarrer Peter Kossen aus Lengerich und seinen Einsatz für ausländische Wanderarbeiter in der Fleischindustrie in der Wochenzeitung Kirche+Leben vom 9. Dezember, die Sie hier bestellen können.