Sommerserie "Geheimnisvolle Orte im Bistum" - Teil 1

Auf den Hügeln im Gewölbe

Hier ist es staubig und hässlich, nicht schön. Das war zu erwarten. Nicht so wie eine Etage tiefer, wo der Sandstein des St.-Paulus-Doms im hellen Licht der hohen Fenster leuchtet. Im Gewölbe darüber ist es dunkel. Nur kleine Luken lassen Licht hinein. Über den Querschiffen gibt es größere Rosettenfenster. Wer mehr sehen will, muss die Neonröhren anknipsen. Doch auch das schummrige Licht macht es hier oben nicht schöner.

Mörtel, Holz, Stahl – daraus ist der St.-Paulus-Dom direkt unterm Dach gemacht. Immerhin: Die beeindruckende Decke der Kathedrale ist auch von oben zu erahnen. Dort, wo unten die "Rippen" der tragenden Säulen zum Gewölbe zusammenstreben, erheben sich hier mehr als zwei Meter hohe Kuppeln. Zehn sind es, die Querschiffe mit eingeschlossen. Eine Hügellandschaft die sich über das 109 Meter lange Hauptschiff erstreckt. Aus rauem Zement, nicht einmal glatt gestrichen.

Glühbirnen wie Fußbälle

"Das alles hier ist funktional, mehr nicht", sagt Günter Ruhe. Als Hausmeister gehört der Weg über die mehr als 100 Stufen zu seinen regelmäßigen Arbeitswegen. Nicht mehr so oft, seitdem der Dom von 2009 bis 2013 saniert wurde. Die neue Lichtanlage hat den wöchentlichen Wechsel von Glühbirnen überflüssig gemacht. "Die alten Dinger waren zum Teil so groß wie Fußbälle – das war schon eine Menge Arbeit." Er musste die Hängelampen etwa 20 Meter abseilen. Wenn er jetzt hierher kommt, dann hat das besondere Gründe. Derzeit muss er die vielen Sicherungen hier oben überprüfen. Vor zwei Wochen hat ein Blitz im Nordturm eingeschlagen. Es gibt Störungen in der Glockenanlage, zudem sind Lichter ausgefallen.

Es gibt andere besondere Gründe. Etwa in der Kar- und Osterzeit. Dann wird das Triumphkreuz mit einer Seilwinde heruntergelassen, um es zu verhüllen. Zur Kreuzerhöhung an Karfreitag wird es wieder enthüllt. Ähnliches geschieht mit dem großen Kranzleuchter im Altarraum, dessen Kerzen etwa in der Osternacht angezündet werden. Zwar können die Winden vom Chorumgang aus elektronisch gesteuert werden. Zur Sicherung muss aber immer jemand ins Gewölbe.

Miniatur-Dom

Für diese und ähnliche Aufgaben gibt es Luken. Von unten kaum zu sehen, muss er sich ihnen oben mit Vorsicht nähern. Schon auf dem Weg dorthin achtet Ruhe auf seinen Kopf, wenn er sich an den Stahlträgern vorbei arbeitet. Der Aufstieg auf die Kuppeln verlangt Geschick. An einige Stellen helfen Holzleitern. Dann zieht er eine schwere Sicherungsmatte beiseite und gibt einen atemberaubenden Blick frei: Der Dom von oben – die prachtvollen Architektur des Altarraums in Miniatur.

Da gibt es noch mehr Löcher in den Kuppeln. "Keiner weiß, wofür die einmal waren", sagt Ruhe. "Vielleicht wurden früher Leuchter daran aufgehangen." Die meisten sind gerade mal so groß, dass man einen Schlüsselloch-Blick hinunter werfen kann. Wieder mit beeindruckenden Perspektiven: Wie Ameisen wimmeln die Touristen durch den Dom. Die Pfeifen der Orgeln streben dem Betrachter entgegen. Die riesige Christophorus-Statue wird zum winzigen Männchen.

Günter Ruhe hat dafür keinen Blick mehr. Zu oft hat der 58-Jährige das alles in seinen fast 17 Jahren als Hausmeister schon gesehen. "Ich gehe hier hoch wie zu jeder anderen Aufgabe."

Manchmal aber spürt er aber, dass das hier etwas anderes ist als etwa in der Werkstatt im modernen Anbau des Doms. Besonders dann, wenn er an die Baugeschichte der Kirche erinnert wird. "Vor einigen Jahren war ein alter Mann zu Besuch hier oben", erzählt er. "Seine Kinder hatten ihm zum 80. Geburtstag den Aufstieg organisiert." Als Handwerker hatte er in seiner Berufszeit beim Wiederaufbau des Doms nach dem Krieg geholfen. Nun erzählte er von einfachen Seilzügen, von freischwebenden Traversen, auf denen die Arbeiter standen, und von der harten Aufgabe, jeden Stein und die Stahlträger für das Dach nach oben zu transportieren.

Das sind die Dinge, die ihn immer noch beeindrucken. "In der Entstehungsgeschichte hatten die Menschen kaum technische Möglichkeiten und haben trotzdem so etwas Großes geschaffen", sagt Ruhe. "Heute stellen wir doch nur noch unsere modernen Geräte auf – den Rest macht die Elektronik."

Falken gegen Tauben

An einigen Stellen ist das nicht so. Dort hat die Natur Einzug gehalten. Neben den Tauben, die sich trotz vieler Gegenmaßnahmen ihre Plätze sichern, ist das vor allem der Nistkasten für die Wanderfalken, den der Naturschutzbund NABU aufgestellt hat. Die Aufzucht der jungen Raubvögel verfolgt Ruhe mit Begeisterung. Auch weil es der beste und natürlichste Weg ist, den Tauben die Stirn zu bieten.

Und dann gibt es noch jene Momente, in denen für Ruhe aus diesem Dachboden doch mehr wird als ein Arbeitsplatz. Wenn die Sonne einmal so steht, dass er durch das Rosettenfenster am nördlichen Seitenschiff die Kreuzkirche im goldenen Licht erblickt. Dann holt er seinen Foto-Apparat und legt sich auf die Kuppel davor in den Dreck. Dann ist es auch hier oben ähnlich schön wie eine Etage tiefer.