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Zwischen Hausruinen und "Hoffnungslächeln" in Swisttal-Odendorf

Aufräumen und Aushalten: Seelsorgerinnen im Flutgebiet

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"Verlorene Erinnerungen" nennen sie den zerstörten Hausrat, der sich am Ortseingang stapelt. Die Malteser versorgen Schnittwunden und wissen nicht, seit wann eigentlich. Durch das Chaos bahnen sich auch katholische Seelsorgerinnen den Weg. Eindrücke aus Swisttal-Odendorf.

Aushalten. Mit den Füßen in getrocknetem Schlamm, in Hausruinen stehend - im Blick der Orbach, gerade mehr Rinnsal als Bach. Wenige Zentimeter hoch, das Wasser klar. Vor rund zwei Wochen riss er als vier Meter hoher Strom ganze Hauswände mit, hinterließ Dreck und Zerstörung. Orangefarbene Zettel sind angebracht, wo die Fassaden noch stehen. Sie warnen vor Einsturzgefahr.

"Wir müssen zuhören und aushalten", sagt Gemeindereferentin Tanja Limmer. Vor dem katholischen Pfarrzentrum stapeln sich Wasserflaschen; das Leitungswasser muss weiter abgekocht werden. Drinnen gibt es Brötchen, Kaffee, frische Kleidung, einen Innenhof zum Durchatmen. Limmer und ihre Kolleginnen gehen immer wieder durch Odendorf in der nordrhein-westfälischen Gemeinde Swisttal. Sie sind vor allem auf der von der Flut stark betroffenen Orbachstraße unterwegs.

"Ein langer Karsamstag" - und wann kommt Ostern?

Dort ist die Stimmung gespenstisch. Ein Mann spritzt mit einem Gartenschlauch den Boden vor seinem Haus ab. Vereinzelt dringen Baggerschaben und das Geräusch eines Presslufthammers durch die Stille. "Es ist ein langer Karsamstag", sagt Limmer. Karsamstag, Tag der Grabesruhe, der Abwesenheit. Ob Ostern kommt, ob es Hoffnung auf einen Neubeginn gibt?

Ja, sagen die Seelsorgerinnen. Sonst wären hier nicht all die helfenden Hände, sonst würden die Bagger nicht durch die Straßen fahren. Die Häuser sind weitestgehend leergeräumt, der von den Wassermassen zerstörte Hausrat stapelt sich am Ortseingang. "Das ist kein Müll", betont Gemeindereferentin Ute Trimpert. "Das sind verlorene Erinnerungen."

"Das Zeitgfühl verloren"

Wie lange die Frauen schon im Einsatz sind? "Man hat das Zeitgefühl verloren." Ähnliches berichten die Malteser, die auf dem Dorfplatz medizinische Hilfe leisten. Vor allem bei der Wundversorgung sind sie gefragt - mit etwa 20 Einsätzen pro Tag in dem 4.100-Einwohner-Ort.

Seit wann sie hier Schnittwunden versorgen, zehn Stunden täglich? "Puh, da müsste ich im Kalender nachgucken", sagt Carsten Möbus. "Irgendwann seit Mitte vergangener Woche, als die akute Gefahrenlage vorbei war. Ich habe kein Raum-Zeit-Gefühl mehr."

Tetanus-Impfung am Biertisch

Zuvor halfen hunderte Mitarbeiter des Hilfsdienstes in der Region unter anderem bei der Evakuierung von Pflegeeinrichtungen, versorgten die in Not Geratenen und die Helfenden mit Mahlzeiten - ehrenamtlich, unentgeltlich. "Weil Nähe zählt" ist ihr Motto. Möbus betont es immer wieder.

Am Mittag füllt sich der Dorfplatz. Die Menschen kommen aus dem, was von ihren Häusern geblieben ist, legen eine kurze Verschnaufpause ein. Es sind Zelte aufgebaut, an Pinnwänden tauschen die Ortsbewohner Informationen aus. Ein Arzt sitzt an einer Bierzeltgarnitur und verteilt Tetanus-Impfungen. Die Schlange vor dem Streetfood-Anhänger wächst. Heute gibt es Currywurst mit Pommes - kostenlos natürlich.

Und dann ist da auch noch Corona

Dann geht es weiter. "Es braucht jetzt langfristige Hilfe und es braucht Handwerker", fassen die Seelsorgerinnen zusammen. "Was die Menschen nicht brauchen, ist Mitleid. Sie brauchen Mitgefühl, aber kein Mitleid." Der Wiederaufbau wird dauern, die Verarbeitung der vergangenen Wochen auch.

Und dann ist da noch Corona. Wie die Flut die Inzidenz nach oben schnellen lässt, will sich der Leiter der Einsatzdienste der Malteser im Rhein-Sieg-Kreis, Ulf Krüger, gar nicht ausmalen. "Aber es ging schier ums blanke Überleben."

Ein Fernseher als Luxus in der Notunterkunft

Katastrophenfall während der Pandemie - auf so eine Lage können sich auch ausgebildete Mitarbeiter des Hilfsdiensts nur bedingt vorbereiten. Natürlich würden die Malteser immer wieder geschult, übten Einsätze. Ein Ausmaß wie das der Flut sei aber nur schwer vorstellbar gewesen. In Zukunft müsse, so Krüger, noch stärker überlegt werden, wie die Hilfsdienste in den Katastrophenschutz integriert werden.

Für den Studenten Möbus ist es ein Ehrenamt aus Leidenschaft. Was auch heißt, Menschen nicht nur in Gefahr zu helfen, sondern danach an ihrer Seite zu bleiben. Er erzählt von der Notunterkunft, in die er einen Fernseher schaffte: "Damit die Leute zumindest Tagesschau und Tatort gucken können." Ein bisschen Normalität, die zum Luxus geworden ist.

Brötchen mit Nuss-Nougat-Creme

Ein bisschen Luxus gibt es auch im Pfarrzentrum. Nuss-Nougat-Creme-Brötchen liegen auf zwei Tabletts: Links ohne, rechts mit Margarine. "Die wissen hier, worauf es ankommt", schmunzelt eine Malteserin.

Überhaupt dringt ab und an ein Lachen durch die ruhige Ortschaft. Auf der Orbachstraße schleppen vier Männer ein von Wasser und Schlamm zerstörtes Auto ab. "Ihr kommt zu früh", ruft einer von ihnen den Maltesern entgegen. "Noch sind alle Finger dran!" Alle grinsen.

Die "Flutmadonna" wurde geborgen, das Jesuskind leidet

"Hoffnungslächeln" nennen die Seelsorgerinnen das. Gemeindereferentin Trimpert erzählt von einer Marienfigur, die sie aus dem Wasser geborgen hat. "Flutmadonna" haben sie sie hier getauft.

Die Figur ist schlammüberzogen, doch die Muttergottes blickt still lächelnd auf das Jesuskind in ihren Armen. Ihm haben die Wassermassen das Haupt abgeschlagen. "Eigentlich könnte man hier den Kopf eines jeden Flutopfers einsetzen", sagt Trimpert leise.

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