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Zum Holocaust-Gedenktag 75 Jahre nach Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz

Auschwitz - die höllische Macht des Nein

Vernichtung: Das war die höllische Absicht von Auschwitz. Vor 75 Jahren war Gott sei Dank Schluss damit. Doch der Ungeist von damals scheint wieder zu erstarken. Darum braucht es – so paradox es klingt – mehr Ja-Sager.

Vernichtung: Das war die höllische Absicht von Auschwitz. Vor 75 Jahren war Gott sei Dank Schluss damit. Doch der Ungeist von damals scheint wieder zu erstarken. Darum braucht es – so paradox es klingt – mehr Ja-Sager. Ein Impuls zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar, 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Meine Großväter waren im Krieg.  Einer von den beiden war Nazi, glaube ich. Meine Großmütter waren auch im Krieg, aber zu Hause. Meine Eltern waren Kinder, als Krieg war. Als mein Vater längst Vater war, hasste er es, wenn die Militärjets im Tiefflug über die Senne, meine Heimat, krachten. Das erinnerte ihn an den Krieg. Meine Mutter hat ihren Vater nie kennen gelernt.

Inzwischen sind sie alle tot: die Großväter und Großmütter, Großonkel und Großtanten, der Vater und die Mutter, die ganze Generation vor uns. Ich kann nicht mehr nachfragen, ob Opi Nazi war. Damals wollte keiner, der es wissen musste, drüber reden. Heute kann es keiner mehr. Die Zeitzeugen sterben aus. Weil sich keiner mehr erinnern kann, ist es umso wichtiger, das Gedenken wach zu halten.

Eine vermaledeite Zeit

In meiner Wahrnehmung aus Erzählungen und gelerntem Geschichtswissen war die Zeit der Nazis und des Kriegs auch deshalb so fürchterlich und fremd und abstoßend, weil das Nein so dominant groß war: das Nein zu Juden, zu Sinti und Roma, das Nein zu Kommunisten und Sozialdemokraten, das Nein zu homosexuellen und behinderten Menschen, das Nein zu Anderssein, zu Würde, Achtung, Freiheit, Demokratie. Das Nein zum Leben. Einer sagte „Nein“ – und Menschen starben.

Es war eine vermaledeite Zeit. Das ist das Gegenteil einer gebenedeiten Zeit. „Gebenedeit“ kommt von „benedictus“ oder „benedicere“. Wörtlich bedeutet das: gutheißen. Wir übersetzen es mit „segnen“ oder „gesegnet“. Wer und was gesegnet ist, lebt im Ja.

Einer der monströsesten Nein-Orte

Das Gegenteil von gebenedeit ist vermaledeit. Da steckt „malus“ drin: Das ist schlecht, das ist böse. Im alten Zornesgesang des lateinischen Requiems, dem „Dies irae“, ist die Rede von „maledictis“, den Vermaledeiten, den Übeltätern, die in der Hölle brennen mögen, während der Beter hofft, von Gott „cum benedictis“, den Gesegneten, zugeordnet zu werden.

Die Hölle von Auschwitz ist einer der monströsesten Nein-Orte dieser Welt, der wie kaum ein anderer für die vernichtende Macht des Nein steht. Die teuflischen Gaskammern und Krematorien von Auschwitz II sind zerstört, einzig die erste Gaskammer – zu perversen „Testzwecken“ mit Menschen in ­Auschwitz I genutzt – steht noch. Das Foto oben zeigt sie und lässt die nackte Brutalität, den höllischen Horror ahnen. Dass dieses Nein entschwand, verdanken wir auch der Befreiung des Konzentrationslagers am 27. Januar 1945 – vor 75 Jahren.

Warum Christen Ja-Sager im besten Sinn sind

Und doch ist dieses Nein nicht vernichtet, es windet und wendet sich wieder lauter in Hass-Parolen, in der dreisten Leugnung des Holocaust. Die Fratze ist dieselbe: die des Nein.

Christen aber sind Ja-Sager. Sie sind es im besten Sinn und aus dem besten aller Gründe: „Jesus Christus ist nicht als Ja und Nein gekommen: Nur das Ja ist in ihm verwirklicht. Er ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat.“ So steht es im 2. Korintherbrief (2 Kor 1,19f). Dieses Ja klingt auch in jedem kleinen Ja-sagen auf, das wir alltäglich und mühsam wiederholen, in dem einfachen Ja, das wir einander schenken.

„Gib, dass unser Nein immer nach Ja klingt“

Dem Benediktiner Marian Reke, einem geistvollen, lebens- und menschenerfahrenen Seelsorger und Begleiter, verdanken sich diese Gedanken:  Gerade das große Ja, das unserem Leben zugrunde liegt und in Wort und Tat ans Licht gehoben werden will, muss manchmal ein kleines Nein oder deren viele gleichsam in Dienst nehmen.

Es gibt das erzieherische Nein, das eigentlich ein Ja zur Entwicklung des Kindes meint. Es gibt das berechtigte und notwendige Nein der Abrenzung,  des Protestes gegen Unrecht, Ungerechtigkeit und Unheil – im Ja der Verbundenheit. Bei all dem gilt, was Erzbischof Dom Helder Camara (1909-1999) so wunderbar als Gebet formulierte: „Gib, dass unser Nein immer nach Ja klingt, unser Ja aber niemals nach Nein.“

Es braucht auch das Ja zur Schuld

Es scheint, dass 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, nach dem Krieg und nach dem Nazi-Wahn das Nein erneut erstarkt, dieses Menschen so diabolisch leicht vernichtende Nein. Umso wichtiger ist das unbedingte, laut und mutig gesprochene Ja jedes Einzelnen zum Leben, zu Würde, Freiheit, Vielfalt, Toleranz.

Dazu gehört dann ebenso das bekennende Ja zu jener Schuld, die auch die Kirche auf sich geladen hat und auf sich lädt, wo immer sie mit vermaledeienden Neins Menschen gebrochen hat und weiter bricht, statt dem Ja in ihnen zum Strahlen zu verhelfen. Nur ein Ja zu dieser Schuld, gesprochen im Ja der Barmherzigkeit Gottes – aber eben gesprochen! –, vermag es, das zerstörerische Nein und seine diabolisch vernichtende Kraft aufzuheben.

All das schafft das Ja, das Gott vor allem anderen ist. Er will nicht, dass es verhallt. Sein Ja fragt unablässig nach meinem Ja. Es bleibt meine Entscheidung, wie ich antworte.

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