Holger Ungruhe über Wachsamkeit im Advent - und über Überdruss

Auslegung der Lesungen vom 1. Adventssonntag (Lesejahr A)

Advent. Das Kirchenjahr beginnt wieder neu. Im Warten auf Weihnachten, und auf die Wiederkunft des Herrn. Holger Ungruhe entdeckt im Evangelium dieses Sonntags die zentrale Haltung wieder.

„Seid also wachsam!“ Diese zentrale Aufforderung richtet Jesus an diesem Ersten Advent an die Hörerinnen und Hörer des Evangeliums. Rund um diese Aussage beschreibt der Text in vielen verschiedenen Bildern, wie es sein könnte, wenn Jesus wiederkommt. Da hören wir von großen kosmischen Zeichen, von Engeln, die erscheinen, von Menschen, die mitgenommen, und von solchen, die zurückgelassen werden. Dabei bleibt der Evangelist in vielen Dingen offen und andeutend.

Die Lesungen vom 1. Adventssonntag (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Matthäus fokussiert auf ein anderes Thema: Für ihn ist es unzweifelhaft, dass irgendwann am Jüngsten Tag solche Dinge geschehen, und das genaue Wie ist für ihn weniger relevant. Matthäus geht es darum, dass seine Leserinnen und Leser nicht in die gleiche Sorglosigkeit verfallen, wie die Menschen zur Zeit des Noach. Jeder Leser, jede Leserin muss sich bewusst sein, dass Jesus in der eigenen Generation wiederkommen kann.

Wachsam heißt achtsam

Der Text ist – so verstanden – also eine Aufforderung, in der Wachsamkeit nicht nachzulassen. Wachsamkeit kann übersetzt werden als Achtsamkeit für den Moment. Es geht darum, achtsam für sich und für die Situation zu sein: Was ist jetzt im Moment gefragt? Wie bin ich als Christin, als Christ gerade gefordert? Bin ich bereit für den Christus, der wiederkommen wird? Was legt mir das Leben gerade nahe?

Eine solche beständige Wachsamkeit, eine Achtsamkeit für jeden Moment, braucht eine große geistliche Spannkraft. Es gilt die Spannung zu halten, jeden Moment, denn „der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet“.

Der Autor
Holger Ungruhe.
Holger Ungruhe ist Koordinator der Berufungspastoral im Bistum Münster. | Foto:Michael Rottmann

Die frühen Mönche haben allerdings auch beobachtet, wie es ist, wenn sich anstelle der Achtsamkeit Überdruss breit macht. Sie nennen dieses Phänomen Akedia, und diese wurde in der Kirchengeschichte lange als ein leibhaftiger Dämon verstanden. Wichtig finde ich herauszustellen, den Umgang, den Kampf mit dem Überdruss nicht auf eine zu behandelnde Depression zu übertragen.

Überdruss in der Kirche

Die Mönche aus den ersten christlichen Jahrhunderten beschreiben, wie Mitbrüder, die von der Akedia heimgesucht wurden, sich immer weniger konzentrieren können. Es sind zunehmend andere Bedürfnisse und Anliegen, die zum Beispiel dem Gebet vorgezogen werden. Für diese Anliegen gibt es immer gute Gründe. Die Lust und die Freude am Leben als Mönch ist verloren gegangen. Der Mönch denkt an verpasste Chancen, an sein früheres Leben, an seine Verwandtschaft. Überdruss allenthalben, von Achtsamkeit für den Moment keine Spur.

Ich bin mir sicher, dass die Akedia nicht nur Mönche heimsucht. Wieviel Überdruss begegnet uns denn heute in der Kirche? Und wie sehr leidet darunter die Wachsamkeit vieler Mitchristen? Da ist ein Überdruss für immer neue Prozesse, die mit dem Eigentlichen so gar nichts zu tun haben.  Da sind viele Mitchristen überdrüssig, weil sie schon so lange auf Reformen warten. Da sind auch viele Hauptamtliche überdrüssig, da die Mühe für die Verkündigung des Evangeliums kaum Früchte zu tragen scheint.

Was ist wesentlich?

Was lehren die Wüstenväter zum Umgang mit diesem Phänomen? Das damals verordnete Heilmittel ist so einfach wie schwierig: aushalten, ausharren. Die Psychtotherapeutin Marie Louise von Franz (1918-1998) schreibt: „Harrt man lange genug in diesem Zustand aus, so tritt dann meistens später ein intensives Interesse am Leben auf, das jedoch meistens in andere als die bisherige Richtung strebt.“

Ist intensives Interesse am Leben denn überhaupt etwas anderes als Achtsamkeit für den Moment, als Wachsamkeit? Was bedeutet dies konkret? Für die alten Mönche hieß dies, nicht alles irgendwie aufrechtzuerhalten, sich zu quälen und weiterzumachen wie bisher. Vielmehr waren sie bemüht, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Wie kann es Entlas­tung für mich geben? Wo kann ich auch mal Fünfe gerade sein lassen? Was sind aber auch für mich und für die Gemeinschaft so elementare Dinge, dass ich sie nicht aufgebe?

Vor allem größere Entscheidungen sollten unbedingt aus einem intensiven Interesse am Leben und nicht aus Überdruss getroffen werden, aus der Achtsamkeit, aus der Wachsamkeit heraus, zu der uns Jesus heute ruft.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 1. Adventssonntag (Lesejahr A)  finden Sie hier.