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Pastoralreferent Georg Kleemann: Wenn Glauben Bekenntnis wird

Auslegung der Lesungen vom 12. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)

Gleich vier Mal sagt Jesus seinen Jüngern im Evangelium: "Fürchtet euch nicht". Der Anlass: Er beruft sie in die Nachfolge. Eine in der Tat ernste Angelegenheit, meint Pastoralreferent Georg Kleemann aus Haltern in seiner Schriftauslegung.

Wenn einer dem anderen ständig sagt, er oder sie müsse keine Angst haben, kann das leicht die gegenteilige Wirkung haben: Offenkundig gibt es durchaus Anlass zur Sorge. Im Evangelium dieses Sonntags sagt Jesus seinen Jüngern gleich vier Mal "Fürchtet euch nicht". Der Anlass: Er beruft sie in die Nachfolge. Eine in der Tat ernste Angelegenheit, meint Pastoralreferent Georg Kleemann aus Haltern in seiner Schriftauslegung.

Unser Sonntags-Evangelium ist ein Ausschnitt aus der „Berufungsansprache“ Jesu an die Apostel und mit ihnen an alle Künftigen, die Jesus nachfolgen wollen. Diese Ansprache stammt jedoch nicht gerade aus dem Handbuch für erfolgreiche Motivationstrainer, wird doch das, was die Menschen auf den Spuren Jesu erwartet, in drastischen Farben ausgemalt: Familienstreit und Gerichtsverfahren, Verfolgung und Folter, Feuer und Schwert … Durch diesen schwarzen Rahmen gewinnen die Sätze des Evangeliums überhaupt erst an Kontur mit ihrem mehrfachen „Fürchtet euch nicht!“

Ist dieser Versicherung zu trauen? Oder schlimmer: Wird hier nicht doch noch subtil mit Drohungen operiert, wenn statt der Menschenfurcht die Gottes-Furcht angemahnt wird? Denn wer soll es denn sein, der über Leib und Seele verfügt, wenn nicht der himmlische Vater selbst, vor dem Jesus sein oder eben kein gutes Wort einlegt? Also doch nur eine weitere Drohkulisse? Oder wird vielmehr ein realistisches Bild der Wirklichkeit gezeichnet?

„Erbsünde“ - schwieriger Begriff

Die Lesungen vom 12. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Ähnlich düster klingt das, was Paulus im Römerbrief schreibt: wie wir uns alle „von Adam an“, also von Anbeginn menschlichen Lebens, in einem unentrinnbaren Zusammenhang von Sünden- und Todesmacht befinden. Es ist der Gedanke der „Erbsünde“, und bei aller theologischen Missbräuchlichkeit dieses Konzeptes, beschreibt dieser Begriff einen lebensweltlich eigentlich mehr oder minder plausiblen – und gerade deswegen oft nur schwer einzugestehenden – Sachverhalt: Durch unsere bloße Existenz unter den Bedingungen dieser Welt werden wir immer wieder in Schuld verstrickt – ob willentlich oder ungewollt, ob wir darum wissen (weil wir „das Gesetz“, die Regeln kennen, die wir „eigentlich“ befolgen müssten) oder es uns unbewusst bleibt.

Das reicht von privaten Verfehlungen, bei denen wir das Beste gewollt und doch nur Schlimmes erreicht haben, bis zu der Tatsache, dass wir durch die bloße Teilhabe an der bestehenden Gesellschaftsordnung deren Ungerechtigkeiten fortsetzen. Der Prophet Jeremia berichtet davon, wie jemand, der in diesem Zusammenhang von Schuld und Ungerechtigkeit seine Stimme erhebt, Widerspruch erntet und sich Verleumdung und Verfolgung aussetzt.

Unausweichliche Konfrontation

Georg M. Kleemann ist Pastoralreferent in St. Sixtus, Haltern am See. | Foto: privat
Georg M. Kleemann ist Pastoralreferent in St. Sixtus, Haltern am See. | Foto: privat

Dass es darum geht, trotz aller Widerstände seine Stimme zu erheben und im Licht der Öffentlichkeit aufzutreten, hat eben auch das Evangelium im Blick. „Bekenntnissituation“ wird dieser Moment genannt, in dem eine Konfrontation unausweichlich wird und man nur um den Preis der eigenen Integrität, der „Seele“ eben, schweigen kann.

Sicherlich ist es verkehrt, die Konfrontation um ihrer selbst willen zu suchen. Doch die Frage bleibt berechtigt, ob wir – im Unterschied zu den frühen Gemeinden, aber auch zu engagierten Christen in anderen Ländern – nur ausnahmsweise in Konflikte geraten, weil wir uns in unserem Glaubensleben allzu bequem eingerichtet haben und nur allzu selten die Stimme erheben.

Das Bild von den Spatzen

Viel hängt jedenfalls davon ab, mit welcher Haltung wir solche Konflikt- oder Bekenntnissituationen angehen. Jeremias' Gewissheit, dass bei aller Feindseligkeit der Menschen Gott sich seiner annimmt, mag als Durchhalteparole in akuter Not unerlässlich sein; problematisch wird es immer dann, wenn die Gewissheit, dass Gott stets auf meiner Seite und nie auf der der anderen ist, verhindert, auch einmal den Standpunkt eben dieser anderen in Betracht zu ziehen.

Vielleicht taugt da besser der recht „schwache Trost“ im Bild von den Spatzen: schwach deswegen, weil Spatzen manchmal eben doch vom Himmel fallen, und weil die Versicherung, alle Haare seien gezählt, nicht zu verwechseln ist mit dem Versprechen, dass auch keines davon gekrümmt wird. Immerhin: Gleich was uns passiert, wir können aus Gottes Aufmerksamkeit nicht herausfallen, weil wir für ihn unendlich wertvoll sind.

Jesus und sein Ausweg

Der Ausweg mag in der Hoffnung stecken, die Paulus im Römerbrief eigentlich nur formal andeutet: dass der Zusammenhang von Sündenmacht und Todesfolge, den wir mit unserem Konfliktverhalten vielleicht nur fortzusetzen drohen, doch nicht völlig undurchdringlich ist. Mit Jesus als „Gegen-Adam“, als Urbild des neuen Menschen, öffnet sich ein Ausweg, ein Neubeginn, der langsam und in kleinen Schritten, aber unaufhaltsam um sich greift. Was das aber konkret und im Einzelnen heißen kann, müssen wir in den Spuren Jesu selbst durchstehen.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 12. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) finden Sie hier.

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