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Pater Elmar Salmann über radikale Lebenswenden – „um der Liebe willen“?

Auslegung der Lesungen vom 13. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr C

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Nicht immer sind radikale Lebenswenden vorhersehbar. Im Zweifel reicht eine Begegnung aus, um das eigene Leben zu ändern. Auch Jesus berichtet von solchen Wenden, sagt Pater Elmar Salmann und legt die Lesungen dieses Sonntags aus.

Um eines Menschen willen, den jemand kennenlernt, kann sich alles ändern, Rhythmen der Zeit, der Empfindungen, der Orte. Es kann ein neuer Partner sein, ein Kind, das ein junges Paar erwartet, auch ein Stellenwechsel oder eine Versetzung im Beruf; und schon fährt der so Getroffene jedes Wochenende Hunderte von Kilometern, ändert seine Lebensgewohnheiten, muss sich Dynamiken fügen, deren er nicht mehr ganz Herr ist – und die zugleich zu gestalten sind.

„Um der Liebe willen“ – wie oft hört man diesen Satz. Dann zieht man um, gibt Gewohnheiten auf, lebt sich in ein anderes Ambiente ein. Vor allem wandelt sich das Gefüge der Zugehörigkeit.

Plötzlich ändert sich Gefühls- und Lebenswelt

Die Lesungen vom 13. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

Plötzlich oder unmerklich gehört ein anderer Mensch zu den wenigen, ohne die man sich spontan nicht verstehen und definieren mag, er wird zu (m)einem Lebensmenschen, wie sich jemand auf sympathische Weise ausdrückte. Was für eine Umstellung im Gefühls- und Lebenshaushalt! 

Ähnlich im Beruf; man findet sich in Singapur, Shanghai oder Kalifornien wieder, der Partner sitzt woanders, weit fort – wie ist das zu arrangieren? So hörte ich im Zug von einem Mann, der um seiner Gefährtin willen alle zwei, drei Monate für je vier Wochen nach China reist und in Deutschland die so verlorenen Stunden vor- und nacharbeitet.

Lebenswenden ohne Aufschub

Auch die Ankunft eines Kindes wird zumeist mit Freude erwartet – auch wenn sich dann eine elementare Störung im Tag-Nacht-Rhythmus und allen Paargewohnheiten einstellt, auf die niemand von vornherein ganz eingestellt sein kann. Noch kühner, wenn Religion, Politik oder humanitäres Engagement, Privates und Öffentliches nah aneinander rücken, dann kann es eng werden und manchmal zu unlösbaren Konflikten kommen.

Die Gestalt Jesu im Evangelium spricht von solchen umstürzenden Blick- und Lebenswenden, die keinen Aufschub, keinen Kompromiss dulden, kein Zurückschauen, Vergleichen, Zaudern, sondern einen Sprung ins Ungewisse fordern. Das frühe Chris­tentum und die Sprache der Nachfolge rechnen ganz unbefangen mit einer solchen Radikalität – im Namen der unvergleichlichen Macht und Gegenwart Gottes und des neuen Menschen, in welchem sich dieser Gott auslegen und vergegenwärtigen will.

Unglaubwürdige Lebensform?

Wie mag es da heute um die Religion bestellt sein? Bisherige Lebensformen wie im Priester- und Ordensleben werden porös, unglaubwürdig, ziehen die Menschen wenig an. Gäbe es neue, informellere oder auch institutionell sichtbare Weisen, die erfrischende Fremdheit Jesu und des Christentums zu leben und ansichtig zu machen?

Es gibt in den Evangelien auch andere Töne, da reicht es schon, nicht gegen Jesus zu sein – und selbst einer Verdammung derer, die die Jünger abweisen, wird manchmal von Jesus gewehrt. Da sind wohltuende Widersprüche und Spannungen in den Texten selbst, nichts wird auf eine Schnur gebracht.

Liebe als Leitmotiv des Handelns

Der Autor
Elmar Salmann OSB
Pater Elmar Salmann war lange Jahre Theologieprofessor in Rom. Er lebt als Mönch in der Benediktinerabtei Gerleve. | Foto: P. Bartholomäus Denz

Die meisten Menschen lässt Jesus, auch nach einer Heilung, ihres Weges ziehen, schickt sie nach Hause, verbietet ihnen sogar, von ihm zu erzählen. So finden sich in den Urtexten eine ganze Menge von Sympathisanten, Randgängern und Randständigen, dem Christentum gewogene Leute – und das ist bis heute so geblieben. Vielleicht ein Trost für die meisten von uns, die wir in einer Gesellschaft vieler Welten leben, auch im eigenen Herzen.

Ein wenig kommt uns die Lesung aus dem Galaterbrief zu Hilfe. Dort wird alles auf das Gebot der Liebe zurückgeführt und von ihm aus gemessen, Freiheit meint da nicht Gesetzlosigkeit, ein Machen-Können, was man will, sondern Fähigkeit, mit den je eigenen Gaben lebensdienlich und liebenswürdig umgehen zu können. Und Liebe ist hier keine Gefühlswallung, sondern ‚geboten‘, eine gute Vorgabe, die dann zum Leitmotiv des Handelns und der inneren Haltung wird, zur atmenden Freiheit und zugewandter Aufmerksamkeit.

Sind Lebenswenden einzufordern?

Endlich bedeutet ‚Gebot‘ kein von außen auferlegtes Gesetz, sondern erscheint als von innen nahegelegte Lebendigkeit, als, eine Erinnerung an das, was dem Menschen guttäte, ihn inspirierte und angelegt sein ließe auf das dem Leben entsprechende. Es geht um eine Existenz im Geist, in Verbindung mit der Natur (Feuer, Wasser, Licht, Atem), der Zuneigung, der Ordnung und des Neuaufbruchs. Das allerdings kann manchmal auch radikale Lebenswenden nahelegen und wie selbstverständlich einfordern. Niemand weiß im Voraus, ob er einem solchen Anruf gewachsen sein wird.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 13. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) finden Sie hier.

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