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Pater Daniel Hörnemann aus der Abtei Gerleve: Aufrecht gehen, aufrecht stehen!

Auslegung der Lesungen vom 14. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B

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"Und er konnte dort keine Machttat tun": In seiner Heimat hat Jesus offenbar keine Chance. Was bleibt ihm dann zu tun? Pater Daniel Hörnemann setzt in seiner Schriftauslegung auf Selbststand und Aufrichtigkeit.

Sie kennen alle die unterschiedlichen Haltungen, die wir im Gottesdienst einnehmen, sofern die Knochen noch mitspielen: Stehen, Sitzen, Knien, Gehen, dazu kommen noch Kniebeuge, Verneigung, Händefalten, Kreuzzeichen, bis hin zur „Pros­ternation“, dem Sich-ganz-Niederwerfen am Karfreitag, bei Weihen und Gelübdefeiern.

Wir beten nicht nur mit dem Kopf und bestenfalls mit dem Herzen, sondern mit dem ganzen Körper. Wir sprechen ja ständig und können gar nicht anders: Immer spricht unser Körper seine eigene Sprache. Unsere Haltungen und Gesten, unsere Körpersprache drücken das Mittun und die Anteilnahme des ganzen Menschen aus – oder eben auch nicht.

Haltung des Respekts

Die Lesungen vom 14. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) zum Hören finden Sie hier.

Wir stehen im Gottesdienst bei den wichtigsten Gebeten und beim Evangelium. Das Stehen ist eine Haltung der Aufmerksamkeit, des Respekts, der Ehrfurcht und der Dienstbereitschaft. Im ZweitenHochgebet der Messe heißt es nicht umsonst: „Wir danken dir, dass du uns berufen hast, vor dir zu stehen und dir zu dienen.“ Wir bringen unsere Hochachtung vor dem Wort Gottes und dem heiligen Geschehen stehend zum Ausdruck. Es ist eine österliche Haltung, wir beten „wie Auferstandene“. Zugleich ist das Stehen eine eschatologische Haltung: Wir erwarten das Wiederkommen des Herrn.

Wir Menschen sind späte Entwickler und haben sehr, sehr lange gebraucht, bis wir alle Möglichkeiten der Körpersprache beherrschten. In der Entwicklung des Menschen gilt der aufrechte Gang als ein Schlüsselereignis und hatte tiefgreifende Folgen. Auf das aufrechte Gehen, das Alleinstellungsmerkmal des Menschen, und den immer vielfältigeren Einsatz der Hände folgte die enorme Entfaltung von Schädel und Gehirn im Laufe des Pleis­tozäns, das vor etwa 2,6 Millionen Jahren begann.

„Stell dich auf deine Füße, Menschensohn“

Zum aufrechten Gehen gehört das Vermögen, aufrecht stehen zu können. Der Prophet Ezechiel hatte während des Exils im 6. Jahrhundert vor Chris­tus eine Vision von der Herrlichkeit des Herrn. Seine prompte Reaktion: Er fiel nieder auf sein Gesicht. Dann hörte er die überraschende Aufforderung: „Stell dich auf deine Füße, Menschensohn; ich will mit dir reden. Als er das zu mir sagte, kam der Geist in mich und stellte mich auf die Füße. Und ich hörte den, der mit mir redete.“

Ezechiel soll aufrecht und fest auf seinen eigenen Füßen stehen. Das Standvermögen braucht er bei der Verkündigung seiner Gottesbotschaft gerade an Menschen „mit trotzigem Gesicht und hartem Herzen“. Was für eine Predigt-Audienz! Er hat es nicht in der Hand, ob sie hören oder nicht. Das bleibt sowieso die Entscheidung eines jeden Einzelnen.

Er konnte keine Wunder tun

Der Autor
Pater Daniel Hörnemann.
Pater Daniel Hörnemann OSB ist Mönch der Benediktinerabtei Gerleve bei Billerbeck und Theologischer Berater von "Kirche+Leben". | Foto: Markus Nolte

Jesus machte in seiner Heimat genau dieselbe Erfahrung. Ernüchterndes Fazit: „Er konnte dort kein Wunder tun.“ Da müssen die Menschen schon mitspielen wollen. Wir können ebenfalls keine Wunder wirken und die Welt verändern. Was wir aber können, das ist, für unsere Überzeugung einzustehen und nicht damit hinterm Berg zu halten. Die äußere Haltung des aufrechten Stehens und Gehens korrespondiert dann mit unserer eigenen inneren Einstellung.

Wer aufrecht steht, anstatt zu kriechen oder sich weg zu ducken, der bietet immer auch Angriffsfläche. Wer sich aufrecht positioniert, exponiert sich. Aufrichtigkeit ist ein Merkmal persönlicher Integrität und bedeutet, zu sich selbst, zu seinen Werten und Idealen, zu stehen und den eigenen Gefühlen und der eigenen, inneren Überzeugung ohne Verstellung in Rede und Handlungen Ausdruck zu geben.

Selbststand braucht innere Freiheit

Aufrichtigkeit bedeutet auch, anderen Menschen, wie auch sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, zu seinen Fehlern zu stehen und sich nicht zu verstellen. Aus der inneren Grundhaltung der Aufrichtigkeit kann der nach außen dringende Bekennermut werden, allen persönlichen Nachteilen oder Gefahren für Leib und Leben zum Trotz.

Zum Selbststand gehört innere Freiheit. Die Kraft, an der eigenen Berufung und Überzeugung festzuhalten, wie Ezechiel und Paulus, trotz der heftigen Erfahrungen von Kritik, Ablehnung, Feindschaft und Verfolgung. Wie rasch schwindet bei Gegenwind der Mut zu klaren Ansagen, zum Eingeständnis eigener Schwäche und Ohnmacht genauso wie zum Ausdruck der eigenen Wahrheit.

Luthers geflügeltes Wort „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ bleibt provozierend und weckt die Fragen: Wo stehe ich? Wie stehe ich zu mir selbst? Zum anderen Menschen? Zu meinem Gott? Zu meiner Kirche? Zu meinen Idealen? Zu meinem Glauben? Zu meinem Zweifeln? Wie stehe ich da?

Sämtliche Texte der Lesungen vom 14. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) finden Sie hier.

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