Anna-Elisabeth Rolfes über Hardrock, „Wacken Open Air” und den barmherzigen Samariter

Auslegung der Lesungen vom 15. Sonntag im Jahreskreis (C)

Was haben schräge Vögel, das „Wacken Open Air”-Hardrock-Festival und der barmherzige Samariter miteinander zu tun? Anna-Elisabeth Rolfes, Pastoralreferentin in Lohne, erklärt es.

Als ich achtzehn war, wollte ich unbedingt nach Wacken zum Heavy Metal Festival. Nicht, weil ich die Musik so sehr mochte, oder weil ich ein großer Festivalfan bin, sondern weil mein Onkel da immer hingefahren ist und von der tollen Atmosphäre geschwärmt hat. So hat mich Festivalfieber gepackt und ich wollte meinen Onkel gern begleiten.

Ein paar Jahre später war es dann soweit. Mein Onkel schenkte mir zu Weihnachten Karten für das „Wacken Open Air”. Wir wollten dort zusammen mit dem Wohnwagen hinfahren. Mit den Karten bekam ich eine CD und das typische Wacken-T-Shirt geschenkt: schwarz, mit einem Bullenkopf vorne drauf und dem Schriftzug „W.O.A.” (Wacken Open Air).

Die Lesungen vom 15. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) zum Hören.

Als wir in Wacken ankamen, war ich sehr aufgeregt. Ich stieg aus dem Auto, sah mich auf dem Platz um und dachte: Worauf habe ich mich da bloß eingelassen? Um mich herum waren lauter schwarz gekleidete Menschen, gepierct oder tätowiert, manche mit langen Haaren und Vollbart. Der Standardspruch in Wacken lautet: „Hast du meinen Kollegen gesehen? Er ist ungefähr 1,80 groß, trägt schwarze Klamotten und hat lange Haare.” Denn dieses Aussehen ist typisch für Wacken.

Dem möchte ich nachts nicht begegnen

Eigentlich die Sorte Mensch, von dem ich denken würde: Dem möchte ich nicht gerne nachts auf der Straße begegnen, der ist bestimmt gefährlich. Doch im Laufe der Woche musste ich feststellen, dass die Menschen auf diesem Fes­tival super nett, hilfsbereit und offen waren. Egal, wo man lang ging, man wurde eingeladen, sich zu setzen, mit den Menschen zu essen und zu trinken und eine Weile zu bleiben.

Mein erster Eindruck hatte mich getäuscht und ich musste meine Meinung revidieren. Ich hatte so sehr auf das Äußere der Menschen geachtet, dass ich im ersten Moment gar nicht darauf geschaut habe, was für Personen dahinter stecken. Es war eine spannende Woche mit vielen neuen Eindrücken, netten Menschen und tollen Gesprächen.

Was hat das mit den Texten dieses Sonntags zu tun? Im Evangelium wird Jesus von einem Gesetzeslehrer gefragt, was er tun muss, um das ewige Leben zu erlangen. Jesus antwortet mit der Gegenfrage, was dazu im Gesetz geschrieben steht. Der Gesetzeslehrer antwortet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. Aber wer ist mein Nächster?“

Wie würde ich handeln?

Jesus antwortet ihm nicht direkt, sondern mit dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Am Ende des Gleichnisses fragt Jesus: „Wer von diesen dreien meinst du, ist dem der Nächste geworden, der von den Räubern überfallen wurde?“ Der Gesetzeslehrer benennt den Samariter. Jesus fordert den Gesetzeslehrer auf, genauso zu handeln wie der barmherzige Samariter.

Ich meine, wir sollten uns ebenfalls diese Frage manchmal stellen: Wer ist eigentlich mein Nächster und wem werde ich der Nächste? Würde ich genau so handeln wie der barmherzige Samariter? Einem fremden Menschen helfen, der in Not ist? Die anderen beiden hätten ihn verbluten lassen, weil er unrein war und sie Angst vor ihm hatten. Aber der Samariter hat seine Vorurteile einfach beiseitegeschoben und dem Fremden am Boden geholfen.

Gepflegte Vorurteile

Die Autorin
Anna-Elisabeth RolfesAnna-Elisabeth Rolfes ist Pastoralreferentin in St. Gertrud Lohne. | Foto:

Oft begegnen wir Menschen mit bestimmten Vorurteilen. Wir können erstmal nichts dagegen tun, weil sie in uns verankert sind. Trotzdem fordert Jesus uns dazu auf, genauso wie der Barmherzige Samariter zu handeln. Das bedeutet nicht, dass wir all unsere Vorbehalte ablegen sollen. Denn sie haben auch etwas Gutes. Manchmal warnen sie uns vor Gefahren und helfen uns Abstand zu halten.

Aber es ist ebenso wichtig, diese Voreingenommenheiten ausklammen zu können und ganz vorurteilfrei an etwas heran zu gehen. So kann ich neue Menschen kennenlernen und genau wie der barmherzige Samariter zum Helfer werden. In den Lesungen des Sonntags lesen wir: Jesus ist das Haupt und wir sind in der Gemeinschaft der Kirche sein Leib. Sein Wort liegt schon längst in unseren Herzen. Jesus hat es uns geschenkt.

Was mir Mut macht

Dabei muss ich bedenken, dass er es nicht nur mir geschenkt hat, sondern jedem Menschen. Alle Menschen sind Gottes geliebte Kinder. Genau das macht mir Mut, Menschen zu begegnen und mich darauf einzulassen, sie besser kennenzulernen.

In Wacken habe ich es geschafft, meine anfänglichen Vorurteile beiseite zu schieben. Dadurch habe ich viele neue, nette Menschen kennengelernt. Das motiviert mich, immer wieder Fes­tivals zu besuchen und mit unbekannten Menschen ins Gespräch zu kommen.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 15. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) finden Sie hier.