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Pastoralreferent Georg M. Kleemann über Gelassenheit statt pastoralen Frust

Auslegung der Lesungen vom 15. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)

Jesus redet in Gleichnissen - zum Beispiel vom Korn, das keine Frucht bringt. Eine Lektion in Realismus für die heutige Seelsorge? Warum spricht er nicht Klartext? Pastoralreferent Georg M. Kleemann aus Haltern versucht eine Erklärung.

Jesus redet in Gleichnissen - zum Beispiel vom Korn, das keine Frucht bringt. Eine Lektion in Realismus für die heutige Seelsorge? Warum spricht er nicht Klartext? Pastoralreferent Georg M. Kleemann aus Haltern versucht eine Erklärung.

Vorbeugung von Verkündigungsfrust – das könnte ein Ziel des Gleichnisses im heutigen Evangelium sein. Wenn man mit Begeisterung unterwegs ist und andere Menschen mitreißen möchte, dann tut es besonders weh zu spüren, dass man irgendwie nicht ankommt – zumindest nicht in dem erhofften Ausmaß. Das Gleichnis vom Sämann drosselt daher von vornherein die allzu hohen Erwartungen, die die Anhänger Jesu für ihr missionarisches Handeln gehegt haben mögen.

Nimmt man die Rede von „vier (gleichen) Teilen“ mathematisch wörtlich, dann liegt die Erfolgsquote allerdings noch bei stolzen 25 Prozent der Adressaten, bei denen der Samen der Verkündigung auf einen fruchtbaren Boden fällt. Verglichen etwa mit den Quoten des sonntäglichen Kirchenbesuchs – vor Corona natürlich – wäre das hoffnungslos optimistisch. Aber auch diejenigen, die aktuell auf die Klickzahlen ihrer geistlichen Angebote in Internet und Social Media schauen, muss das unter unerfüllbaren Druck setzen.

Davon träumt die Seelsorge

Die Lesungen vom 15. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Das Gleichnis hat noch mehr unrealistische Zahlen zu bieten: Wenn da von einem 100-, 60- oder auch nur 30-fachen Ertrag die Rede ist, übersteigt das bei Weitem das, was unter damaligen landwirtschaftlichen Bedingungen auch nur im Entferntesten zu erwarten war. Von solchen „Verdopplungsraten“ in der Mitgliedergewinnung könnte jede missionarische Pas­toral nur träumen.

Aber Jesus will keinen Erfolgsdruck aufbauen. Eher wird hier jedes Rechnen und Berechnen ad absurdum geführt, sofern es darum geht, das Geschenk des Glaubens weiterzugeben. Erfolg in diesem Bereich kann weder „gemacht“ noch „gemessen“ werden. Jeder, der von der Kita angefangen im Bildungswesen tätig ist, weiß, dass sich das, was man Kindern mitgibt, bei aller wünschenswerten Methodik letztlich der eigenen Kontrolle entzieht. Oft genug sieht man noch nicht einmal, was aus einem jungen Menschen wird, wenn er dann seine eigenen Wege geht. Auch für Eltern mit Blick auf ihre Kinder stellt sich das nicht grundsätzlich anders dar.

Das Wort ist mächtig, nicht sein Bote

Georg M. Kleemann
Georg M. Kleemann ist Pastoralreferent in St. Sixtus, Haltern am See. | Foto: privat

Es gehört dann schon eine gehörige Portion Gelassenheit und Demut dazu, diese Ohnmacht zu ertragen und stattdessen einen wertschätzenden Blick für das zu bewahren, was sich in einem anderen Menschen entwickelt und was im besten Sinne „unermesslich“ ist. Genau zu einer solchen Gelassenheit ruft die Lesung aus dem Propheten Jesaja auf, indem sie die eigentliche Wirkmächtigkeit nicht den Boten des Wortes, sondern dem Wort selbst zuspricht – und damit Gott, der dieses Wort spricht und es selbst ist.

Die Lektion von Gelassenheit und missionarischer Demut scheint jedoch nicht ganz angekommen zu sein. Das zeigt zumindest die Wachstumsgeschichte des Gleichnisses, wie sie in der Langfassung des Evangeliums sichtbar wird.

Prophet mit esoterischer Sprache

Dort liefert Jesus selbst dem kleinen Kreis seiner Jünger eine Interpretationshilfe, die beispielhaft vorführt, wie man die bildhafte Rede der Gleichnisse in konkrete Aussagen überträgt. Schon das ist nicht unproblematisch: Denn wenn es die eine, sogar vom Verfasser selbst autorisierte Interpretation gibt, wozu dann überhaupt erst in Gleichnissen sprechen? Diese Frage bekommt dann noch einen zusätzlichen Dreh, wenn mit Bezug auf eine andere Stelle im Jesajabuch aus den Bildworten der Gleichnisse eine esoterische Geheimsprache wird, die nur die Eingeweihten verstehen, während die anderen eben nur „hören, aber nicht verstehen“.

Darin mag viel frustrierte Missionserfahrung stecken: Die Enttäuschung, bei den anderen nicht angekommen zu sein, schlägt um in die trotzige Behauptung, die anderen wären ohnehin nie die richtigen Adressaten gewesen. Doch es bleibt eine fatale kommunikative Haltung, die sich bis in die heutige Zeit hineinverfolgen lässt, bis zur ideologischen Selbstisolation in Filterblasen und Verschwörungstheorien.

Grund zu Selbstbewusstsein

Einer solchen Haltung widerspricht der Römerbrief: Er ermahnt die Gemeinde, sich trotz des Selbstbewusstseins als „Kinder Gottes“, die das Geschenk des Geistes empfangen haben, nicht aus der Solidarität mit der ganzen Schöpfung herauszulösen. Denn wenn sie, die ganze Schöpfung, „seufzt“ und mit dem schweren Atmen einer gebärenden Frau in den Wehen liegt, dann ist das doch ein Zeichen dafür, dass auch in ihr – noch vor all unserem Tun – Gottes Geist, sein Lebensatem selbst am Werk ist. Das sollte Grund genug sein, dem eigenen menschlichen Wirken etwas mehr Gelassenheit zu gönnen.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 15. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) finden Sie hier.

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