Jan-Christoph Horn über Auszeiten vom Christ-sein

Auslegung der Lesungen vom 16. Sonntag im Jahreskreis (B)

„Die biblischen Schrifttexte dieses Sonntags sagen ganz klar: Pause gibt es nicht!“ Ist das wirklich so? Pastoralreferent Jan-Christoph Horn geht den Lesungstexten dieses Sonntags auf den Grund.

Es ist Urlaubszeit. Wer weiß, wo Sie diesen Text gerade lesen. Auf dem Balkon mit Alpenblick, an der Strandbar, am mobilen Gerät auf dem Weg zum Check-in im Flughafen, gemütlich im Zug, entspannt zu Hause auf der Terrasse? Wo auch immer Sie sind oder noch hinfahren werden: Schöne Tage! Allerdings muss ich Sie enttäuschen. Die biblischen Schrifttexte dieses Sonntags sagen ganz klar: Pause gibt es nicht!

Da sind die Jünger, die von ihrem Sendungsdienst wiederkommen und denen keine Pause vergönnt ist. Die Menschen sind unnachgiebig darin, ihnen nachzustellen. Da ist der Prophet Jeremia, der sich bitterlich über die beklagt, die ihrer Aufgabe nicht nachgekommen sind. Er prophezeit, dass Gott diese zur Rechenschaft ziehen wird und andere sendet, die es besser machen. Der Epheserbrief stellt uns ein Christuszeugnis vor Augen, bei dem man die Füße nicht stillhalten kann.

Darf ich mich auch mal um mich sorgen?

Was bedeutet das? Gehört zum Christ-Sein nicht auch der Rückzug? Wer kann im Alltag sein christliches Zeugnis geben, wenn man nicht auch einmal für sich sorgen darf? Ist Urlaub, Ferien, Erholung, E-Mails abschalten, Termine ausdünnen und Post liegen lassen nicht okay?

Wer so rechtfertigend nach dem Sinn der biblischen Texte fragt, verkennt ihren Sinn.

Drei Leitwörter aus drei Texten


Das Evangelium vom 16. Sonntag im Jahreskreis (B) zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal.

Wenn wir die Texte lesen, dürfen wir nicht von unserem Kontext her auf sie schauen. Denn dann landen wir nur bei dem, was wir schon kennen. Wir sollten die Texte an sich sprechen lassen, wie man es bei einer „Lectio Divina“ tut, einer „geistlichen Lesung“, und uns mit unserem Leben dazu stellen.

Aus jedem der drei Texte entnehme ich ein Leitwort: Aus Jeremia „Hirte“, aus dem Epheserbrief „Friede“ und aus dem Evangelium „Mitleid“.

Hirte sein

Hirte sein: Jeremia kennt unser priesterliches Hirtenbild nicht, sodass es hier nicht um Ämter-Theologie gehen muss. Gleichwohl wendet sich das Prophetenbuch an die Führungsschicht Jerusalems, die nach Meinung des Propheten ihrer Verantwortung nicht gerecht wird.

Verantwortung haben auch wir – beruflich, familiär, gesellschaftlich. Jede und jeder ist für etwas verantwortlich: sein soziales Nahumfeld, die Bewahrung der Schöpfung, einen freiwilligen Dienst, eine bestimmte Sache (an)zuführen, Menschen zu begleiten. Jeremia charakterisiert diese Verantwortung noch näher: Die Adressaten werden keine Angst mehr haben, sie werden nicht verloren gehen. Statt Furcht Frucht.

Frieden geben

Frieden geben: Der Katholikentag in diesem Jahr hat vor Augen gestellt, dass wir Christen eine große Friedenssuchbewegung sind und aufmerksam darauf achten, den Frieden in den Unfrieden hineinzutragen. Es ist der Friede, von dem Paulus sagt: „Christus Jesus ist der Friede.“ Hier von einer „Ressource“ zu sprechen, klingt ungewohnt und verquer. Aber im Wort Ressource steckt Source – Quelle. Und wer würde von Jesus nicht als Quelle sprechen?

Die Frage aber ist: Machen wir Jesus zur „Sache“ (res)? Bringen wir ihn konkret mit ein, betend, segnend, heilend, verkündigend, bezeugend? Oder bleibt der Friede Jesu ein Theoriekonzept?

Mitleid haben

Der Autor
Jan Christoph Horn ist Pastoralreferent in der Pastoralberatung beim Bischöflichen Generalvikariat Münster. | Foto: privat
Jan Christoph Horn ist Pastoralreferent in der Pastoralberatung beim Bischöflichen Generalvikariat Münster. | Foto: privat

Mitleid haben: Mitleid ist der Überlieferung des Evangeliums nach die Emotion, die Jesus empfindet, als er die vielen Menschen sah, die ihm und seinen Jüngern unnachgiebig nachstellen. Mitleid, das ist für mich ein Herzensgefühl, so ein kleiner Stich, der einen nicht selber verletzt, aber spürbar anrührt.

Manchmal wird Mitleid als große und charakterstarke Sache hervorgehoben. Aber Mitleid fängt viel früher an. Es ist ein evolutionärer Instinkt, dass leidenden Mitgeschöpfen Hilfe zusteht. Und zwar nicht, weil es moralisch gegeben ist, sondern weil es das Überleben der Arten sichert. Von diesem Instinkt darf man sich nicht freisprechen, weil man nicht zuständig, gerade anderweitig beschäftigt ist oder keine Zeit hat.

Christ-Sein gibt es nicht im Stand-by

Womit wir bei unserem Urlaub und Frei-Haben angekommen sind. Die ­bib­lischen Texte verpflichten uns nicht, den Wert dessen hintenanzustellen. Aber sie entlasten uns nicht davon, unser christliches Zeugnis und unsere christliche Ethik präsent zu halten. Christ-Sein gibt es nicht im Stand-by.

Das ist keine schlechte Nachricht. Als ob das Christ-Sein einem erholsamen Urlaub im Wege stehen würde. Und doch ist wahr, dass wir unauflöslich hineingenommen sind in die Verantwortung, Frieden zu geben und empfindsam zu sein.

Urlaubsexerzitien

Das kann gerade im Urlaub und in Erholungszeiten neu betrachtet und wahrgenommen sein. Die Urlaubszeit soll ja stärken – warum nicht auf diese Weise?

„Urlaubsexerzitien“ – Exerzitien sind Rüstzeiten für den Glauben – sind wohl noch nicht erfunden. Egal. Aber in diesem Sinne: Schönen Urlaub!

Sämtliche Texte der Lesungen vom 15. Sonntag im Jahreskreis (B) finden Sie hier.