Pfarrer Jan Magunski über den Schatz des Lebens – und einen Bauklotz

Auslegung der Lesungen vom 17. Sonntag im Jahreskreis (A)

Was im Leben wirklich wichtig ist, muss nichts Großartiges sein. Pfarrer Jan Magunski aus Münster hat von seinem anderthalbjährigen Neffen gelernt, was einen wahren Schatz im Leben ausmacht.

Seitdem meine beiden Neffen, eineinhalbjährige Zwillinge, Teil unserer Familie sind, gehe ich noch einmal in eine ganz neue Lebensschule. Denn das werden alle Eltern und in der Erziehung Tätigen bestätigen können: Pädagogik ist beileibe keine Einbahnstraße. Auch wenn es Aufgabe der Erwachsenen ist, ihre Erfahrungen an Kinder weiterzugeben, sind sie ein Leben lang herausgefordert, selbst Lernende zu bleiben und immer wieder neu Maß zu nehmen. Manchmal geht es dabei auch um das Wiederentdecken von Fähigkeiten, die wir alle einmal wie selbstverständlich besaßen – die uns jedoch im Lauf des Lebens mehr und mehr abhanden gekommen sind.

Ich denke an Filip und seinen violetten Bauklotz, den er eines Tages für sich entdeckt hat. Seit Wochen scheint es für ihn keinen größeren Schatz auf der Welt zu geben. Manchmal muss der Bauklotz auch mit ins Bett genommen werden. Unvorstellbar, am anderen Morgen ohne ihn aufzuwachen ...

Druck – selbst im Urlaub

Er verschenkt all seine Liebe an den Moment solcher Zweisamkeit. Er scheint vollkommen glücklich mit dem, was er hat. Seine Aufmerksamkeit richtet sich nicht pausenlos auf das, was er haben könnte. C. G. Jung, der große Psychoanalytiker, beschrieb schon die Menschen seiner Tage als „fleißig, furchtsam, fromm, sich selbst demütigend, gierig und leidenschaftlich im Erraffen von Gütern dieser Welt: Besitztümer, Wissen, technische Meisterschaft, politische Macht, Eroberungen“.

Das Evangelium vom 17. Sonntag im Jahreskreis (A) zum Sehen und Hören auf unserem Youtube-Kanal.

Wie viel mehr gilt das für viele Menschen des 21. Jahrhunderts, die nie zufrieden scheinen mit dem, was sie erreicht haben, für die es – weit über jeden gesunden Ehrgeiz hinaus – immer noch höher, schneller und weiter gehen muss. Sogar im Urlaub setzen sie sich selbst unter Druck, um alle Möglichkeiten mitzunehmen, jede sich bietende Möglichkeit auszumelken – nur das Gefühl der Sättigung, der Zufriedenheit und des Glücks will sich einfach nicht einstellen.

Der Wert der Lebensperlen

Und während sie ihre Sehnsüchte und Energien fortwährend auf das konzentrieren, was ihnen noch zu fehlen scheint, haben sie verlernt, sich an den real existierenden Schätzen und wahren Werten ihres Lebens zu freuen, die in Wahrheit ja auch nicht selbstverständlich sind.

Kann es sein, dass wir zunehmend das seit 70 Jahren währende friedliche Zusammenleben in der westlichen Welt riskieren, weil egoistische und nationalistische Tendenzen falsche Prioritäten setzen? Ob Frieden, Freundschaft oder Gesundheit – warum erkennt der moderne Mensch den Wert vieler Lebensperlen erst dann, wenn er sie verliert, wenn ihm schmerzlich bewusst wird, wie reich ihn das Leben alles in allem eigentlich bedacht hatte?

Wie lange hält die erste Liebe zu Christus?

Der Autor
Jan Magunski ist Pfarrer in St. Marien und St. Josef in Münster sowie Schulseelsorger in Münster.Jan Magunski ist Pfarrer in St. Marien und St. Josef in Münster sowie Schulseelsorger in Münster.

Auch Jesus geht es um einen faszinierenden Lebensschatz. Keine Rede davon, dass er besondere Opfer erfordert, vielmehr wird das Gefühl vermittelt: Man wär' ja schön blöd, wenn man sich dieses Angebot entgehen lassen würde. So hat ihn mancher Mensch einmal mit großer Begeisterung für sich entdeckt und gehoben, den Glauben an das Himmelreich, an Gottes Gegenwart in der Welt: schon im Hier und Jetzt, umso mehr in der Ewigkeit. Waren nicht viele von uns bereit, dafür manch anderes hintanzustellen, mit kindlichem Vertrauen alles auf die Karte „Gott“ zu setzen und ihm die gleiche Treue zu schwören, die Gott seinen Menschenkindern versprochen hat?

Jedes Jahr erlebe ich aufs Neue, was für ein Aufwand um die Erstkommunion gemacht wird. Doch wie lange hält diese erste Liebe zu Christus – insbesondere dann, wenn sie nicht unterstützt oder mitgetragen wird? „Der Himmel ist verblasst“, las ich letztens: Das gilt wohl nicht nur für die Sichtweise dieser Kinder, sondern so vieler Christen, denen ihre Gottesbeziehung im Lauf der Jahre zunehmend gleichgültig geworden ist.

Brennt das Feuer noch?

Auch mir stellt sich von Zeit zu Zeit die Frage: Brennt das Feuer noch? Ahne ich noch, welch großes Geschenk mein Glaube ist, wie er mich im Alltag auch nach so vielen Jahren immer wieder froh und reich machen kann – wenn ich ihn hege und pflege, wenn ich mich um ihn mit der gleichen Aufmerksamkeit sorge wie um viele materielle Schätze?

Gott lässt sich von uns finden, damit wir uns immer wieder auf die Suche nach ihm machen: Glaube bleibt herausfordernd und bewegend – und verlangt unser engagiertes Bekenntnis. Dabei geht es weniger um den Intellekt: Am Ende der vielen Gleichnisse, die Jesus seinen Jüngern (und uns in den vergangenen Wochen) erzählt hat, fragt er: „Habt ihr das alles verstanden?“ Doch hier ist nicht der Verstand gefragt, sondern das Herz. Jenes Herz, das in Kindertagen alle Liebe und Aufmerksamkeit an einen violetten Bauklotz verschenken konnte.

Sämtliche Texte der Lesungen und des Evangeliums vom 17. Sonntag im Jahreskreis (A) finden Sie hier.