Jan-Christoph Horn über den deligierenden Jesus

Auslegung der Lesungen vom 17. Sonntag im Jahreskreis (B)

Jesus vertraut auf die Menschen, sagt Pastoralreferent Jan-Christoph Horn, in seiner Auslegung zur Geschichte der „Speisung der 5.000“. Ein Impuls auch für unsere Gemeinden, meint der Pastoralreferent: „Lasst die Leute nur machen.“

„Die Kirche erwacht in den Seelen.“ Das schreibt der Theologe Romano Guardini im Jahr 1965 angesichts der Kirchenkonstitution des 2. Vatikanischen Konzils. Guardini gilt als ein geistlicher Vater der kirchlichen Erneuerungsbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Er dürfte sich durch das Konzil bestätigt gefühlt haben. Sein Anliegen war, geprägt von den philosophischen Strömungen seiner Zeit, vom Leben des Menschen her die Heilsgnade Gottes anschaulich zu machen. Es ging ihm um Selbstbildung des Menschen, die das Erkennen Gottes einschließt. Der grundlegende Ort dafür ist die christliche Gemeinschaft.

„Die Gläubigen machen die Gemeinde.“


Das Evangelium vom 17. Sonntag im Jahreskreis (B) zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal.

Aus einem ähnlichen Geist sagte der evangelische Theologe Ernst Troeltsch einige Jahrzehnte früher pointiert: „Die Kirche macht die Gläubigen. Die Gläubigen machen die Gemeinde.“ Das besagt, dass Kirche und Gläubige einander zugewiesen sind. Die Kirche setzt den Rahmen, definiert die Zugehörigkeit und fordert ein Bekenntnis ein. Aber die Gläubigen stiften die Lebendigkeit des Glaubens – „Gemeinde“ bezeichnet hier nicht die formale Organisation, sondern das Beziehungsgeschehen der Menschen miteinander.

Diese Zitate erinnern daran, dass die Frage nach dem Wesen der Kirche nicht nur uns heute umtreibt, sondern die Menschen wohl schon bewegt, seitdem es die Kirche gibt. Die Worte von Guardini und Troeltsch sind aber auch beispielhafte Aussagen über den Aufbau der Kirche.

Jesus lebt Delegation und Teilhabe

Das heutige Evangelium möchte dazu etwas sagen. Die Perikope aus dem Johannesevangelium – eines der überlieferten Ereignisse aus dem Leben Jesu, das sich in allen Evangelien finden lässt – ist ein eindrückliches Zeugnis dafür, dass Jesus auf die Selbstwirksamkeit der Gemeinschaft vertraut und Delegation sowie Teilhabe lebt.

In den Mittelpunkt der Auslegung wird gerne der Junge mit seinen bescheidenen Gaben gestellt und damit, dass die Lösung von Problemen oft im Unscheinbaren beginnt. Eine diakonische Lesart bemerkt, dass Jesus den Menschen ihren Hunger stillt – übertragen auf uns lässt das danach fragen, wonach die Menschen heute „Hunger“ haben, wenn sie nach Gott fragen.

Punktuelle Begegnung mit Jesus – ohne Wiederkehr „am nächsten Sonntag“

Für unsere zeitgenössische Frage nach der Bindung an Kirche und Gemeinde ist in der Perikope zu lesen, dass hier eine große Zahl von Menschen eine punktuelle, heilsame Begegnung mit Jesus macht – ohne unmittelbare Nachfolge, ohne Wiederkehr „am nächsten Sonntag“. Jesus scheint das nichts auszumachen.

Auch die starke Zahlensymbolik ist eine Erwähnung wert. Durch sie erweitert sich der Kreis derer, für die Jesus wirkt, auf das ganze Volk Gottes. Doch besonders interessant zu betrachten ist das, was nicht im Text beschrieben ist, aber eine starke Wirkung hat: die Zuschreibung von Kompetenzen, Fähigkeiten, Eigenschaften und Zuständigkeiten.

Akzeptiere die Wirklichkeit und segne sie

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Jan Christoph Horn ist Pastoralreferent in der Pastoralberatung beim Bischöflichen Generalvikariat Münster.
Jan Christoph Horn ist Pastoralreferent in der Pastoralberatung beim Bischöflichen Generalvikariat Münster. | Foto: privat

Das „Wunder“ der Brotvermehrung lässt danach fragen: Woher kommt das Brot? Während die bekannte alttestamentliche Erzählung vom Manna in der Wüste das Brot spektakulär auf das Volk Israel niederregnen lässt, legt das Betrachten unseres Evangeliums einen anderen Schluss nahe: Das Brot und der Fisch kommen aus der Mitte der Gemeinschaft. Denn Jesus „zaubert“ ja keine Brote und Fische herbei, sondern nimmt das, was da ist, und dankt dafür. Das löst eine Dynamik aus, die jede und jeden das, was vielleicht doch noch „in der Tasche“ ist, freisetzt.

Anders gesagt: Akzeptiere die Wirklichkeit, segne sie und vertraue darauf, dass die Gruppe die Herausforderung aus sich heraus bewältigen kann.

Jesus lehrt: Lasst die Leute nur machen

Gruppendynamiker, Supervisoren und Organisationsentwickler können Geschichten dazu erzählen. Systemtheoretiker können das konzeptionell beschreiben. Wir dürften in unseren Pfarreien, Einrichtungen und Verbänden mehr daraus leben.

Jesus lehrt: Lasst die Leute nur machen. Da können die Jünger noch so um Ordnung und Ressourcen besorgt sein, mit Paulus kann man ihnen zurufen: „Seid demütig und geduldig. Durch eure Berufung ist euch eine Hoffnung gegeben.“

Ein Impuls auch für unsere Gemeinden

Jesus vertraut. Und weil Jesus vertraut, erkennt die Menge in ihm „den Propheten, der in die Welt kommen soll.“ Ein Impuls auch für uns. Ob in den pastoralen Berufen, den sozialen Diensten oder dem scheinbar unscheinbaren Zeugnis am Arbeitsplatz oder in der Familie: „Ich vertraue dir.“ Menschen in ihrer Selbstwirksamkeit zu fördern entfremdet sie nicht von Gott, wenn wir wie Jesus den Zusammenhang herstellen.

Vertrauen darf auch die Diskussion um den Aufbau der kirchlichen Gemeinschaft ergreifen. Die Kirche erwacht in den Seelen. Die Gläubigen machen die Gemeinde. Lasst die Leute nur machen.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 17. Sonntag im Jahreskreis (B) finden Sie hier.